Kritik: Doctor Who – Twice Upon a Time

Series 10, Episode X
mit Peter Capaldi und David Bradley
Drehbuch: Steven Moffat
Regie: Rachel Talalay
60 Min. / Erstausstrahlung 25.12.2017

B

Mit Spoilern.

„Doctor, I let you go.“

Bei all dem (zugegebenermaßen nicht allzu weltenverändernden) Wirbel um Peter Capaldis Abschied als Doctor Who geht eine Tatsache schnell verloren, gerade in der letzten Szene von Twice Upon a Time: Capaldis letzte Zeile ist gleichzeitig auch Steven Moffats letzte Zeile. Seit fast einem Jahrzehnt schreibt der Mann nun die Skripte für Doctor Who, er ist für mehr verantwortlich als irgendein anderer Autor in der Geschichte der Serie und er hatte es auf dem Weg weiß Gott nicht immer leicht.

Auch ist weithin bekannt, dass Moffat sich zunächst schon nach The Husbands of River Song und anschließend nach The Doctor Falls verabschieden wollte, aber zweimal zum Bleiben gedrängt wurde, einmal für eine Staffel, einmal für eine Weihnachtsfolge. Und wie schon streckenweise Staffel 10 scheint auch Twice Upon a Time eine kleine Wahrheit anzuheften, die nicht abzuschütteln ist: Steven Moffat ist müde. Nun schreibt natürlich selbst ein müder Steven Moffat immer noch bessere Science Fiction-Drehbücher als der überwiegende Großteil seiner Branchenkonkurrenz. Immer wieder erlebt man auch in dieser Folge Funken von brillanten kleinen Momenten, sei es William Hartnells/David Bradleys eindrucksvolles Bekenntnis, niemals ein „Doctor of War“ zu sein oder die letzten zehn Minuten, in denen Peter Capaldi noch einmal zu all seiner Größe als Schauspieler auffahren darf und sich endgültig verabschiedet – ganz zu schweigen von den vielen gut eingesetzten Lachern.

Nur: So viel von dem, was diese Momente ausmacht, hat bereits in vergangenen Moffat-Folgen große Momente erfahren. Capaldis Rede an sein zukünftiges Ich („Never eat pears!“) ist ein Wiederaufgreifen der Szene zwischen ihm und Clara im Staffel 9-Finale Hell Bent. „I’m standing before you and you can’t see me“ ist nicht der erste Call-Back dieser Art zu Deep Breath, Hartnells “The long way round” die gefühlt zehnte Wiederholung der Formulierung seit The Day of the Doctor. Eine letzte Vision des ersten Gesichts, das dieses Gesicht sah, erscheint in Form von Clara, so wie vor vier Jahren in der von Amy. Der Gedanke des Doctor of War und die damit einhergehende Montage – ein Verweis auf The Day of the Doctor und The Eleventh Hour. Capaldis Frage, warum er nicht einfach ruhen kann, die gleiche, die er in einer der besten Szenen der Who-Geschichte in Heaven Sent gestellt hat.

Und es ist nicht einmal so, dass Moffat sich selbst kopiert. Er ist sich genau bewusst, dass er alte Motive und Gedanken wieder aufgreift und wie so viele seiner Werke funktioniert Twice Upon a Time gerade dank der üppigen Backstory als emotionale und erfüllende Geschichte. Sogar die Besetzung von Mark Gatiss passt in dieses Schema – schließlich gehört Gatiss sowohl hinter als auch vor der Kamera fest zu Moffats Who-Welt mit dazu und ihn hier zu sehen fühlt sich irgendwie richtig an. Aber seine Anwesenheit, wie auch der Plot und die Dialoge von Moffats letzter Episode, sind nicht mehr so frisch, dass sie noch überraschen oder überwältigen können.

Die Moffat-Ära hatte für mich mit Staffel 9 ihren Höhepunkt erreicht. Diese Entladung von über fünf Jahren Storytelling in einem intelligenten, emotionalen und dennoch zum Bersten spannenden und unvorhersehbaren Finale in Heaven Sent und Hell Bent bleibt eine erzählerische Meisterleistung, in der alle von Moffats Stärken bis zum Anschlag ausgespielt wurden. Und auch wenn Staffel 10 uns einige weitere Highlights bescherte – nicht zuletzt den neuen Klassiker Extremis und ein weiteres tolles Jahr mit dem wunderbaren Peter Capaldi – wirkte viel davon wie Moffat auf Autopilot, ein genialer und begnadeter Autor, gefangen in einem nie enden wollenden Diskurs mit sich selbst darüber, wer der Doctor ist, was er tut und wieso.

Mit Twice Upon a Time findet dieser Diskurs nun ein Ende, passenderweise sogar gleich mit zwei Doktoren in einem Raum. Doch es ist vor allem der Monolog der letzten Szene, der das in Worte fasst, was uns Steven Moffat in seinen zahlreichen wunderbaren Geschichten immer wieder gesagt hat. Dass der Doctor, dieser fabelhafte und unmögliche Mann, nicht einfach von alleine passiert ist. Sondern dass er sich für seinen Weg entschieden hat, und immer wieder tut, mit jeder schweren Entscheidung, die notwendig ist um für Liebe und gegen Hass einzutreten. Und weil er, und jetzt sie, niemals ruhen kann, ist es vielleicht nur bezeichnend, dass Capaldis letztes Abenteuer sich fast nur in einem gefrorenen Moment abspielt, dass es nicht einmal einen Feind zu besiegen gibt, sondern einfach nur einen letzten Moment Ruhe und Frieden auf dem Schlachtfeld.

Capaldis letzte Worte ehren diesen Gedanken, sie rufen seine nächste Inkarnation auf, so wie er zu sein, immer weise, immer tapfer, bevor er, und mit ihm der Mann, der ihm seit so vielen Jahren schon die Worte in den Kopf schreibt, endlich selbst zur Ruhe kommen darf. Der Doctor ist nun Jodie Whittaker, wild, blond und voller neuer Energie, und Steven Moffat und Peter Capaldi beschließen ein Kapitel ihrer jeweiligen Karrieren, das, bei allem Optismus, wahrscheinlich das wichtigste und beste bleiben wird. Durch Höhen und Tiefen hinweg bleibt Doctor Who die schönste Show der Welt, und es wird Zeit, den zwei Männern, die die letzten Jahre so pflichtbewusst und liebevoll dafür verantwortlich waren, selbst eine Möglichkeit geben, zur Ruhe zu kommen, um den Doctor vielleicht doch irgendwann für nur einen Tag aus ihren Köpfen verschwinden zu lassen. Peter and Steven, we let you go.

 

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