Kritik: Doctor Who – World Enough and Time/The Doctor Falls

Series 10, Episode 11 & 12
mit Peter Capaldi, Pearl Mackie und Matt Lucas
Drehbuch: Steven Moffat
Regie: Rachel Talalay
45 & 60 Min. / Erstausstrahlung 24.6. & 1.7.2017

A

Mit Spoilern.

The sense of an ending…

Es wird Zeit, fünffachen Abschied zu nehmen. Von Steven Moffat, von Michelle Gomez, Pearl Mackie, Matt Lucas und natürlich Peter Capaldi. Drei von ihnen sind bereits mit diesem Staffelfinale abgetreten, aber zwei halten noch tapfer durch, eine Weihnachtsfolge noch, dann ist es vorbei. Der Doctor mag keine Abschiede, auch das macht The Doctor Falls so eine eindringliche Erfahrung. Nach einem Horrortrip in Teil 1 macht er sich in Teil 2 wieder einmal über die gesamte Doctor Who-Mythologie her – und zeigt, dass er sie vielleicht besser versteht als irgendjemand sonst.

„Virtue is only virtue in extremis“. Nur, wenn wir am Abgrund stehen, zeigen wir, wer wir wirklich sind. Dieser wunderbare Gedanke aus Extremis kann rückwirkend ganze Ären von Doctor Who erklären, ähnlich wie es Moffat bereits mit seiner Interpretation des Namen „Doctor“ in The Day of the Doctor gelang. Und in The Doctor Falls ist es nicht nur der Doctor selbst, sondern auch Missy, die sich dessen bewusst wird. Nach einigen fabelhaften Szenen gemeinsam mit ihrem Vorgänger John Simm bringt sie diesen schließlich um, damit er zu ihr werden kann und sie sich auf die Seite des Doctors stellen, und er schießt ihr in den Rücken, worauf sie stirbt.

Es ist die erste Multi-Master-Story in der Geschichte von Doctor Who, und obwohl Missy und der Master nicht allzu viel zum eigentlichen Plot der Folge beizutragen haben, ist dies das wohl perfekte Ende für eine 45 Jahre andauernde Charakterentwicklung. In dem Moment, in dem es darauf ankam, gelang es Missy endlich, sich von ihrem Drang zu Chaos und Vernichtung loszureißen und die richtige Entscheidung zu treffen – mit dem Doctor gemeinsam gegen die Cybermen zu kämpfen. Doch, da sie erschossen wird, bevor sie ihren Plan in die Tat umsetzen kann, wird der Doctor nie davon erfahren. Sie tat, was sie tat, ohne Zeuge und ohne Lohn. Sie tat es in Extremis. Der Master ist schwer totzukriegen, ich weiß. Aber sollten wir den Charakter in der Zukunft tatsächlich nicht mehr wiedersehen, wäre nach diesem Abschluss wohl nichts einzuwenden.

Auch Abschied nehmen müssen wir von Bill und Nardole. Nach nur einer Staffel verabschieden sich die beiden Companions bereits wieder – was schade ist, aber wohl vor allem mit der Produktionsrealität von Doctor Who zu tun hat, denn Moffats Nachfolger Chris Chibnall wünscht sich sicher einen Neustart. Bill und Nardole sind mir, nicht zuletzt dank ihrer tollen Darsteller, beide ans Herz gewachsen, letztendlich wirkt ihr Fortgang aber weniger erderschüttend als der von Clara oder den Ponds. Sie waren weniger eng mit dem Doctor verbunden und letztendlich mehr Begleitung als Hauptcharakter.

Für beide scheint der Doctor mehr Mittel zum Zweck gewesen zu sein, um an einen besseren Ort zu gelangen. Nardole ist gezwungen, selbst Verantwortung zu übernehmen und sich fernab von Sicherheitsprotokollen und autoritäter Unterstützung um hilfsbedürftige Menschen zu kümmern. Und Bill, die immer nur einen Weg aus ihrem grauen Alltag gesucht hatte, hat ihren Crush wiedergefunden und kann gemeinsam mit ihr das Universum bereisen. Eine nette Idee, die vielleicht ein wenig zu sehr an Claras Ende in Hell Bent erinnert, aber nur einem Miesepeter könnte so etwas auffallen.

Spannend ist auch, was Bill dem Doctor mitteilt, als sie noch in ihrer Cyberman-Hülle gefangen ist: „I don’t want to live, if I can’t be me anymore.“ Genau diesen Satz scheint der Doctor am Ende der Folge selbst verinnerlicht zu haben, denn seine Regeneration, die er zunächst so beeindruckend als notwendige Konsequenz für seine richtigen Taten akzeptiert zu haben schien, will er nun mit allen Mitteln aufhalten. Er ist der erste Doctor eines neuen Regenerationszyklus, und während sein Vorgänger 900 Jahre Zeit hatte, um sich auf seinen Tod vorzubereiten, lebte und kämpfte Capaldis Doctor zwischen den Extremen – ohne Entkommen.

Ob der erste Doctor des ersten Regenerationszyklus ihn davon überzeugen kann, dass es manchmal doch notwendig ist, sich zu verändern? Der Doctor hat in dieser Staffel erkannt, dass er gebraucht wird. Er ist davon überzeugt, selbst ein Akteur für das Gute zu sein und hadert nicht länger mit seiner Identität. Doch das Universum spielt dabei nicht immer mit. Capaldis Doctor hat gekämpft, mal für das Universum, mal für ein paar einsame Menschen, und letztlich alles verloren, darunter seinen alten besten Freund, den er endlich auf den Pfad der Tugend zurückgeholt hatte. Wenn irgendjemand Therapie nötig hat, dann er. Wahrscheinlich braucht er einfach nur den richtigen Doktor.

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3 Kommentare

  1. mich erinnerte die Tatsache, dass Bill erst nach und nach kapiert, dass sie in der Hülle des Cybermans steckt, sehr stark an die Anfangsfolge, in der Clara herausfindet, dass sie nicht in einem Raumschiff, sondern im Körper eines Daleks gefangen ist. Gefangen im falschen Körper – einmal als Auftakt (Clara) und einmal als Abschluss (Bill) – was für eine zu Herzen gehende Idee. Ich musste weinen.

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  2. Schön geschrieben. Series 10 hat bei mir nicht mehr so recht gezündet (deswegen kam auch keine Folge in meinem Special neulich vor), aber das Finale hätte es verdient gehabt. Ich wollte es aber noch etwas sacken lassen.

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