Kritik: Doctor Who – Knock Knock

Series 10, Episode 4
mit Peter Capaldi, Pearl Mackie und Matt Lucas
Drehbuch: Mike Bartlett
Regie: Bill Anderson
45 Min. / Erstausstrahlung 06.05.2017

A-

Mit Spoilern.

Zum ersten Mal seit Langem hat mich Doctor Who dazu gebracht, meine Fernsehgewohnheiten zu ändern. Normalerweise sehe ich neue Folgen in möglichst großem Format und mit möglichst lauten Lautsprechern – schließlich fährt der Titelsong nur so richtig in die Knochen. Aber Knock Knock, die erste reine Grusel- und bisher beste Folge der zehnten Staffel, wurde von der BBC in „Binaural Audio“ verfügbar gemacht, einer Art virtuellem 3D-Sound, der die gruseligen Klopfzeichen, die die dieswöchigen Monster ankündigen, von überall kommen zu lassen scheinen – vorausgesetzt, man trägt Kopfhörer.

Da saß ich also, ungewohnt mit Kopfhörern, ungewohnt am Computerbildschirm. Es ist doch toll, dass Doctor Who mir auch in der neuesten Staffel nicht nur spritzige Lebensweisheiten („hungry looks very much like evil from the wrong end of the cutlery“) oder historische Triviatröpfchen (wusstet ihr vorher, dass die Themse im neunzehnten Jahrhundert regelmäßig zufror?) beibringt, sondern jetzt auch ein technisches Gimmick für zuhause. Das Knarzen und Ächzen des Holzes, das unheimliche Klopfen und Murray Golds markerzitternde Musik gehen in diesem Soundformat tatsächlich noch besser unter die Haut, als sie es ohnehin getan hätten.

Es ist aber interessant, dass die Episode, der dieses so moderne und neuartige technologische Experiment zuteil wird ausgerechnet eine ist, die per se gar nicht so modern und neuartig daherkommt. Autor Mike Bartlett und Regisseur Bill Anderson orientieren sich nicht nur an klassischen Doctor Who-Gruselfolgen, sondern auch an Spukhaus-Horror und Gothic. Jedes wichtige Element, von den kleinen Monstern über die jungen ahnungslosen Protagonisten bis zu der tragischen Auflösung, kennt man, vor allem als Horror-Fan, schon aus diversen anderen Geschichten. Und doch sind sie – zumindest im Doctor Who-Kontext – selten so gut umgesetzt worden wie hier. Knock Knock ist in jedem Sinne des Wortes ein Klassiker, eine überkompente und schaurige Folge, die alles richtig macht.

Es ist sowohl den Autoren als auch der BBC zuzurechnen, dass sie einer Familiensendung nach wie vor erlauben, so düster und unbequem zu werden wie es Doctor Who hier vormacht. Knock Knock hat seinen Ursprung im Horrorfilm und wie bei jedem guten Horrorfilm ensteht der Schrecken nicht nur durch Schocks oder grausame Bilder, sondern durch ein durchgängiges Gefühl der Unsicherheit und des Unwohlseins, das Gefühl, wenn man einen Film am liebsten abbrechen würde, aber unbedingt wissen will, wie es weitergeht.

Diese Wirkung entsteht durch zweierlei, einmal durch die grandiose Arbeit von visuellen und Ton-Effekten, die das Holz im ganzen Haus zum Leben erwecken und gerade im Surround-Sound jede Ecke mit außerirdischen Insekten und knarrenden Schauern bevölkern. Und dann sind da die fantastischen schauspielerischen Leistungen von David Suchet, dessen Antagonist erst durch  sein herzlos kalkuliertes und schließlich tragisches und verzweifeltes Gebahren ausgezeichnet wird, sowie Mariah Gale, die als Darstellerin der Mutter unter jede Menge Schminke einen albtraumhaften Charakter zum Leben erweckt – und dabei alles andere als hölzern spielt (haha).

Für Bill und den Doctor ist dies eine wichtige Erfahrung. Es ist ihr erstes Abenteuer, das nicht von Anfang an als solches gekennzeichnet war. Tatsächlich versucht Bill ihn anfangs noch aus ihrem Privatleben fernzuhalten, beruft sich darauf, dass sie sich nicht in der fernen Zukunft oder wenigstens auf einem Trip in eine abgedrehte Vergangenheit befindet, sondern in ihrem ganz normalen Alltag, der auch so geschehen wäre, wenn sie den Doctor nie kennengelernt hätte. Beide wirken aufeinander ein, wehren einander ab, haben mit Zweifeln, Selbstzweifeln und (in Bills Fall) Fremdscham zu kämpfen. Doch anders als Matt Smiths Doctor es getan hätte, ist Peter Capaldi nicht daran interessiert, sich mit Bills Mitbewohnern anzufreunden. Er will einfach nur ein Haus von seiner Holzplage befreien. Und Bill muss sich eingestehen, dass es in diesem Fall zu ihrem Glück passiert ist. Aber wird sie das beim nächsten Übergriff in ihr eigenes Leben auch noch so sehen? Es scheint, als gäbe es auch ohne den Kontrollfreak Clara einen kleinen Kontrollkampf in der TARDIS.

P.S. Und was ist jetzt eigentlich mit dem Verlies? Die letzten drei Wochen über habe ich es tatsächlich geschafft, nicht darüber zu spekulieren, was sich dort drin befinden könnte und jetzt, da wir mittlerweile eine recht gute Vorstellung davon haben, lohnt es sich wohl, es einfach mal zu probieren. Nun, so wie der Doctor am Ende von Knock Knock klang, gibt es wohl folgende Möglichkeiten:
1. Es ist Missy.
2. Wir sollen denken, dass es Missy ist, in Wirklichkeit ist es aber John Simms Master.
(Beide diese Optionen wären übrigens für sich genommen keine allzu spannende Auflösung, sollte etwas davon eintreten, hoffe ich deshalb darauf, dass die Geschichte hinter der Gefangennahme des Masters nochmal extra aufregend ist.)
3. Wir sollen denken, dass es Missy oder John Simms Master ist, in Wirklichkeit ist es aber etwas völlig anderes. Was ist eigentlich aus Rusty dem Dalek geworden?
Ich bleibe gespannt. Gerüchten zufolge soll sich die Tür zum Verlies für das Publikum in Episode 6 öffnen.

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