Kritik: Doctor Who – Thin Ice

Series 10, Episode 3
mit Peter Capaldi, Pearl Mackie und Matt Lucas
Drehbuch: Sarah Dollard
Regie: Bill Anderson
45 Min. / Erstausstrahlung 29.04.2017

B+

Mit Spoilern.

Würde ein real existierender Mensch auch nur eine einzige Doctor Who-Folge miterleben, er wäre für den Rest seines Lebens traumatisiert. Todesfälle, außerirdische Monster und die für immer währende Gewissheit, dass überall jederzeit ein mörderisches Ungeheuer aus einer anderen Welt lauern kann, wären mehr als genug um jeder normalen Person ein Leben lang Albträume zu bereiten. Auch der Doctor selbst ist schauderhaft – ein allem Anschein nach wahnsinniges Alien, dem ein verlorenes Leben wenig zu bedeuten scheint und der selbst schon einige Todesopfer auf dem Gewissen hat.

Allein deshalb scheint es fast ein wenig absurd, von einer Companion zu verlangen, ein „normaler Mensch“ zu sein. Wohl kaum ein „normaler Mensch“ würde das, was der Doctor jede Woche durchmacht, freiwillig unternehmen. Es ist ein Zugeständnis an die Prämisse der Show, dass wir die Existenz von Charakteren, die es dennoch tun, nicht in Frage stellen – und nicht zuletzt scheinen manche von ihnen zumindest zu Beginn ihrer Reisen psychisch etwas instabil (vor allem Amy ist hierfür ein gutes Beispiel).

Dennoch: Bills Reaktion auf den Tod eines kleinen Jungen in der Mitte von Thin Ice ist vielleicht die beste Annäherung an eine „realistische“ Reaktion auf ein solches Ereignis, die wir bis jetzt in Doctor Who bekommen haben. Sie verhält sich wie jemand, der etwas Grausiges erlebt hat – und der Tod selbst ist nur die eine Hälfte davon. Die andere ist wie der Doctor damit umgeht. Locker nämlich, als hätte er gerade etwas milde Spannendes beobachtet. Im darauf folgenden Gespräch gelingt es Bill, den Doctor auf sein für sie unverständliches Verhältnis zum Verlust von menschlichen Leben festzunageln. Sie findet sogar heraus, dass er selbst für unzählige Tode verantwortlich war – und es ihn kaum zu berühren scheint: „I care, but I move on.“ 

Natürlich ist es nicht alles so einfach. Der Doctor widerspricht sich allein in Thin Ice mehrmals: Erst vermittelt er den Eindruck, ein Leben würde ihm nicht allzu viel bedeuten, später definiert er den Fortschritt einer Spezies als den „Wert, der auf ein unbedeutendes Leben gelegt wird“. Kurz zuvor kündigt er Bill gegenüber eine Herangehensweise der Diplomatie mit dem Bösewicht Sutcliffe an an, nur um diesem nach seinen ersten – enorm rassistischen – Worten mit aller Härte ins Gesicht zu schlagen. Und jeder, der Peter Capaldis herzzerreißende Rede in The Zygon Inversion gesehen hat, weiß, dass ihm jeder einzelne Tod nahe geht und dass er jedes Mal aufs Neue leidet. Er hat nur in den zweitausend Jahren Reisen gelernt, diesen Schmerz zu bündeln, ihn für Gutes einzusetzen.

Und was heißt Gutes in dieser Folge? Da wäre beispielsweise, einen skrupellosen Geschäftsmann aufzuhalten. Die Leben von mindestens ein paar Dutzend Londonern zu reden. Einer Gruppe obdachloser Kinder zu Geld und einem Zuhause zu verhelfen. Und – nicht ganz unwichtig – einem riesigen Seemonster die Freiheit zu schenken. Wie viele gute Doctor Who-Folgen führt die Handlung nicht einfach von A nach B, von den Guten zu den Bösen. Und diese guten Taten erfordern Mut, Nachforschungen, das Schließen von Bündnissen, einen cleveren Plan und die Bereitschaft des Doctors, im wichtigen Moment nicht das Leben eines Handlangers, sondern seinen Sonic Screwdriver zu retten – eine kalblütige, herzlose Aktion, die Bill wieder einmal daran erinnert, mit wem sie sich hier eigentlich eingelassen hat.

Warum bleibt sie also da? Einmal natürlich für das Abenteuer. Denn, und hier ist Thin Ice ein hervorragender Indikator, davon gibt es in Doctor Who reichlich. Es ist auch noch ein außerordentlich gutes Abenteuer, mit interessanten Nebencharakteren, spannenden Entwicklungen und einem unheimlichen Trip unter Wasser… Aber außerdem bleibt sie, weil der Doctor ihr gezeigt hat, dass es immer und überall Gutes zu tun gibt. Das, was wir tun, hat vielleicht keinen Schmetterlingseffekt, der das gesamte Universum aus den Bahnen wirft. Aber wir können einen Unterschied machen, im Kleinen. Auch wenn das heißt, dass unsere eigenen moralischen Grenzen manchmal etwas schwammig werden. Bill ist nicht begeistert davon, wie ungezwungen der Doctor mit Toten umzugehen scheint. Aber sie ist bereit, darüber hinwegzusehen – und weiter mit ihm zu reisen. She cares, but she moves on.

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Ein Kommentar

  1. Für mich wieder eine der besten Folgen seit längerem. Mittlerweile neige ich zu der Ansicht, dass die Qualität der Folgen doch stark von seinem Companion abhängt – und seit Clara nicht mehr der Companion ist, sondern Bill, ist sie für mich gestiegen, und ich kann sogar nachvollziehen, warum viele (im Gegensatz zu mir) sie nicht mochten.

    Aber vielleicht liegt es auch einfach nur an den Drehbüchern und den Autoren? Mir haben vor allem die Kameraführung, die Farben und die Rede des Doktors gefallen – sowie die Bezüge zu anderen Folgen.

    LG
    Ulrike

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