Kritik: Doctor Who – The Pilot

Series 10, Episode 1
mit Peter Capaldi, Pearl Mackie und Matt Lucas
Drehbuch: Steven Moffat
Regie: Lawrence Gough
50 Min. / Erstausstrahlung 15.04.2017

A-

Mit Spoilern!

Zwei Fische schwimmen ihres Weges und treffen einen älteren Fisch. Er nickt ihnen zu und sagt: „Morgen Jungs. Wie ist das Wasser?“ Die zwei jungen Fische schwimmen eine Weile weiter. Schließlich fragt der eine den anderen: „Was zum Teufel ist Wasser?“

Dieser Witz, der Schriftsteller David Foster Wallace zugeschrieben wird, stellt eine eigentümliche Parallele zur neuen Doctor Who-Folge The Pilot her. Der Witz ist simpel: Wasser ist etwas so alltägliches und selbstverständliches, gerade ein Fisch sollte doch wissen, wovon er jeden Tag umgeben ist. Und dass es alltäglich und selbstverständlich ist, wird in der neuen Doctor Who-Folge schließlich schon dadurch schon unter Beweis gestellt, dass es, wie schon zuvor Statuen, Betten oder WLAN zum Who-Monster upgegradet wird – nimm dich in Acht vor dem Wasser, es ist nicht so wie es scheint!

Doch der Fisch hat keine Ahnung, was Wasser ist, da er es für selbstverständlich hält. Er hat es noch nie in seinem Leben verlassen, atmet seitdem durch seine Kiemen und hat nie die Gelegenheit bekommen, es von außen zu betrachten. Und damit weiß er es auch nicht zu schätzen. Das Wasser ist da, war schon immer da und wird auch immer da sein – oder?

Auch Doctor Who macht manchmal den Eindruck, schon immer dagewesen zu sein (über ein halbes Jahrhundert ist ja zumindest eine kleine Hausnummer). Außerdem möchte man sich nicht ausmalen, wie die Welt einmal ohne aussehen könnte. Aber die Welt der Serie ist etwas ganz Besonderes: Unheimliche Monster, die in unserem Alltag lauern, ferne Welten unter fremden Himmeln, Außerirdische und finstere Pläneschmieder, und inmitten all dem echte Freundschaft und eine Gier, all diese Abenteuer, die dort draußen warten, auch zu erleben. Das Doctor Who-Universum ist ein einzigartig schöner Ort, aber gerade wenn man seit Jahren Fan ist, kann es passieren, dass man all das, das „Wasser“, vergisst.

Doch dann kommt Bill Potts. Die wunderbare, die herzensgute, die ganz und gar uneingeweihte Bill Potts betritt in der ersten Szene der zehnten Doctor Who-Staffel den Raum als wäre gar nichts dabei und damit auch diese ganze unmögliche Welt, die wir so lieben. Sie ist von Dingen geschockt, die wir schon längst mit einem Schulterzucken abtun, sie hält sich nicht an Regeln, die wir für selbstverständlich halten und sie stellt Fragen, auf die nur jemand kommen kann, der all diese verrückten Dinge zum ersten Mal sieht: Diese Box ist eine Zeitmaschine! Nein, ich werde nach ihrer Hand greifen! Warum ist TARDIS eigentlich eine englischsprachige Abkürzung?

Und sie lernt zum ersten Mal den Doctor kennen. Den Mann, der als Universitätsprofessor zu Beginn kurz mit Sonnenbrille und E-Gitarre zu sehen ist, nur um sie dann zu ihrem völligen Unverständnis zu Privatstunden einzuladen. Der unter der Universität irgendetwas Merkwürdiges versteckt. Der mehr über das Universum zu wissen scheint als irgendjemand anders. Und der vor allem ein wirklich guter Freund sein kann, wenn man es schafft ihn davon zu überzeugen.

The Pilot ist die erste Episode seit The Eleventh Hour, die auch als Einstiegspunkt für Nicht-Whovians geeignet ist. Und damit gibt sie auch den älteren Hasen die Möglichkeit, sich in die Sneaker von Bill hineinzudenken und all diesen Wahnsinn noch einmal zum ersten Mal zu erleben und die Folge aus einer Perspektive zu sehen, in der die Vorstellung einer sonderbaren Pfütze überhaupt nichts Gruseliges hat und in der Zeitreisen unmöglich sind. Die ganze Schönheit der unbegrenzten Möglichkeiten entfaltet sich nach und nach über 50 Minuten und am Ende bleibt ein pures Glücksgefühl. Es ist, als hätte man sich in eine altbekannte Person noch einmal verliebt – und das dank Bill.

Am Anfang ihrer Geschichte ist Bill eine frustrierte junge Frau. Tatsächlich scheint der Doctor eine der wenigen Dinge in ihrem Leben zu sein, die ihr tatsächlich Freunde bereiten. Von ihrer Adoptivmutter bekommt sie Bargeld zu Weihnachten, sie hat einen Sackgassen-Job in einer Unikantine und es scheint niemandem zu geben, dem sie sich ganz anvertrauen kann. Sie ist die perfekte Person, um auf den Doctor und seine verrückte Welt zu stoßen. Aber das ist nur ein Faktor, warum The Pilot so grandios gut funktioniert. Der andere ist nämlich: Diese Welt, die Bill entdeckt, ist auch unsere Welt.

Wer jetzt zu Beginn des 21. Jahrhunderts Doctor Who-Fan ist, wird wohl nie zu fremden Planeten oder gar Galaxien aufbrechen. Es ist auch sehr unwahrscheinlich, dass wir in unserem Duschabfluss ein unheimliches Auge entdecken werden (worüber ich mich nicht beschweren möchte). Aber die große Rede des Doctors, die Bill zu Beginn der Folge so inspiriert, spricht genauso über unsere Leben:

Imagine if time all happened at once. Every moment of your life laid out around you, like a city. Streets full of buildings made of days. The day you were born; the day you die. The day you fall in love; the day love ends. A whole city built from heartbreak, and triumph, and boredom, and laughter, and cutting your toenails. The best place you’ll ever be. Time is a structure relative to ourselves, existing in the space made by our lives. Time and Relative Dimension in Space. It means life.

Diese Stadt ist unsere Stadt. Und die Geschichte von Bill und Heather kann genauso gut unsere Geschichte sein. Zwei Menschen auf der Suche nach einem Ausweg, die sich durch Zufall finden. Durch einen Blick, ein paar gewechselte Worte. Und plötzlich tut sich Zukunft um Zukunft auf, unzählige Möglichkeiten, wie diese Geschichte weitergehen könnte, die uns vielleicht sogar für immer glücklich macht. Manchmal reicht nur ein Moment, nur ein Quadratzentimeter in der Stadt unseres Lebens, um alles zu verändern. Und manchmal, wie hier, tut es das nicht.

The Pilot endet, und das ist vielleicht das Beeindruckendste an dieser lebensfrohen und aufregenden Folge, mit einem tief emotionalen Moment. Bill und Heather lassen die Verbindung, die sie in nur wenigen Blicken aufgebaut haben, endlich richtig zu… und müssen Abschied voneinander nehmen. Die tragischste Liebesgeschichte ist manchmal die einer Liebe, die nie richtig stattfinden durfte. Und so trennt sich Bill von ihrem Mädchen mit dem Stern im Auge und wendet sich dem Rest des Universums zu. Denn sie weiß jetzt: Es gibt so viel zu entdecken. Sie hat endlich erkannt, was in dem Wasser um sie herum eigentlich alles schwimmt.

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2 Kommentare

  1. Ein sehr schön geschriebenes Review. Ich war allerdings nicht ganz von der Folge überzeugt. Vielleicht lag es auch daran, dass die Nachbarskatze kurz rein schaute und ich etwas abgelenkt war, aber irgendwas fehlte.. es wirkte etwas.. nach „Wir müssen den neuen Charakter gut einführen“. Vielleicht muss ich sie mir nochmal anschauen.

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