Kritik: Class – Detained/The Metaphysical Engine

Staffel 1, Folge 6/7
mit Greg Austin, Fady Elsayed, Sophie Hopkins, Vivian Oparah und Katherine Kelly
Drehbuch: Patrick Ness
Regie: Wayne Yip
45 Min. / Erstausstrahlung 19. – 26.11.2016

B+

Zu den vielen Dingen, die Steven Moffat zum Leidwesen mancher Nerds angestellt hat, gehört, dass er permanent die Listen von ordnungliebenden Fans durcheinanderbringt – und das indem er sich weigert, seine Episoden klar als Einzel- oder Doppelfolgen zu kennzeichnen. Sind The Girl Who Died und The Woman Who Lived zum Beispiel ein Zweiteiler oder zwei einzelne Folgen, die sich nur einen Charakter teilen? Was ist mit Face the Raven, Heaven Sent und Hell Bent? Exceltabellenführende Whovians aufzurühren gehört offensichtlich zur Stellenbeschreibung eines jeden Doctor Who-Chefautoren.

Patrick Ness scheint das verstanden zu haben. Das in den letzten zwei Wochen von Class dargebotene Story-Experiment hat bewiesen, dass die Doctor Who-Tochterserie ganz im Sinne des Papas experimentelle Erzählungen nicht scheut und unberechenbar bleibt. War das jetzt eine zweigeteilte Folge? Oder zwei, die nur gleichzeitig spielen? Und noch wichtiger: Spielt das überhaupt alles eine Rolle? Das sind nur wenige von vielen Fragen, die Detained und The Metaphysical Engine or What Quill Did aufwerfen und ein Kritikpunkt fällt auf jeden Fall schon einmal nicht an: Dass Class langweilig wird.

Wir beginnen mit Folge 6, Detained – Die Gang beim Nachsitzen. Es ist die „Bottle-Episode“, eine mit minimalem Budget und minimalem Cast entstandene Folge, die Kosten spart und damit gleichzeitig eine ungewöhnliche Erzählsituation schafft. Die fünf Hauptcharaktere (abgesehen von Miss Quill, die währenddessen ihr eigenes Abenteuer durchsteht), sind auf engstem Raum eingeschlossen und werden gezwungen, ihre intimsten Geheimnisse voreinander preiszugeben, wegen eines außerirdischen Häftlings oder so, erinnert sich noch jemand groß daran?

Es gibt viel, was ich an der Folge mag: Ich mag die Schauspieler, die den Raum nutzen und der Feuerprobe standhalten. Ich mag die kleinen Momente, die Entschuldigungen, Versöhnungen und neu aufgerissenen Wunden. Ich mag vor allem das Endergebnis der Geschichte: Manche Beziehungen sind an dem, was in diesem Raum geschehen ist, zerbrochen, andere (Charlie und Matheusz) haben ihr standgehalten. Wie im echten Leben.

Aber ich komme nicht umhin, etwas unglücklich mit der Tatsache zu sein, dass die Folge nie wirklich schockt. Eine Bottle Episode ist eigentlich für die großen unausgesprochenen Wahrheiten da, die spannenden Enthüllungen, doch alles, was die Charaktere aussprechen, wurde bereits fünf Folgen lang ausführlich thematisiert und breitgetreten. Jede Woche scheint Patrick Ness auf einen neuen Highlight-Moment aus, eine neue Konfrontation, die die der letzten übertrifft, und allmählich werde ich der Sache überdrüssig. Die Länge der Staffel ist mit 8 Folgen vielleicht einfach zu kurz, es scheint als hätten einige coole Monster der Woche-Folgen als Zwischenpolster nicht geschadet.

Und was lässt sich die Episode 7 sagen, The Metaphysical Engine? Gar nicht so viel. Außer Miss. Motherfucking. Quill. Dies ist die beste Folge von Class bis jetzt und das ist zu 90% ihr zu verdanken. Quills Kampf zur Freiheit ist ein Ereignis, auf das seit Staffelauftakt hingearbeitet wird und es nun endlich mitzuerleben ist so ziemlich das mitreißendste, was diese Serie bisher anstellen konnte.

Katherine Kelly passt in die Rolle der Miss Quill wie ein Fußballfeld in eine TARDIS (heißt: mit Leichtigkeit). Sie meistert diesen komplexen, anspruchsvollen und oberflächlich erst einmal unsympathischen Charakter mit einer Rafinesse und einem Sinn für unheimliche Details, dass ich es beinahe mit Matt Smith oder Peter Capaldi vergleichen möchte. Ob in ihren distanzierten oder ihren verwundbaren Momenten, immer bleibt sie außerirdisch, immer reptiloid und faszinierend. Ein Close-Up auf Miss Quills Gesicht im richtigen Moment ist spannender als tausend Explosionen.

Dies ist ihr Heaven Sent. Okay, es ist nicht so gut wie Heaven Sent, aber da Heaven Sent so ziemlich die beste Folge aus 53 Jahren Seriengeschichte ist, ist das kein Anlass für einen Vorwurf. Mit all der Liebe, all der Verzweiflung und all der Kreativität in der Story fühlte ich mich tatsächlich an die besten Doctor Who-Momente erinnert und es ist Katherine Kelly zu verdanken, dass sie die ganze Geschichte getragen hat.

Als Miss Quill schließlich in der letzten Szene zurück zum Klassenzimmer kam, schoss mir ein eigenartiger – und wahrscheinlich unglückverheißender Gedanke durch den Kopf: „Ach Gott, nicht die Kids schon wieder.“ Obwohl ich die Kids eigentlich mag, obwohl ich April und Charlie echt gut leiden kann, trotz alledem hatte ich für 45 Minuten keinerlei Bedürfnis nach Teenie-Problemen. Für 45 Minuten war Class ganz woanders gelandet. Doch ob dieses Woanders wirklich besser war? Vielleicht war es einfach nur näher an dem, was ich von Doctor Who gewöhnt bin. Und nach nun fast einem Jahr Who-Pause brauche ich vielleicht einfach dringend Neues.

Steven, ich vermisse dich. Nur noch ein paar Wochen bis Weihnachten. Nur noch ein paar Monate bis zu neuem Listen-Chaos.

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