Missy sei Dank: Der Triumph von Michelle Who

Michelle Gomez, vielgeliebte Darstellerin von Missy und Meisterin des Böse Hexe-Blicks wurde gestern in der Kategorie Beste Nebendarstellerin für einen TV-Bafta nominiert. Das ist gleich aus mehreren Gründen beachtenswert. Einmal ist es das erste Mal seit 2011 und erst das zweite Mal überhaupt, dass Doctor Who beim britischen Äquivalent der Emmys in einer Schauspielkategorie vertreten ist. Bisher war nur Matt Smith diese Ehre vergönnt, der für seine Leistung in Staffel 5, genauer gesagt, im Staffelfinale The Big Bang honoriert wurde.

Der zweite Fakt, der diese Nachricht besonders macht, ist schockierender und fiel mir nur durch Zufall auf der IMDb-Seite von Michelle Gomez auf: Ihr Platz auf der Bafta-Liste markiert das erste Mal, dass sie für irgendetwas nominiert wurde. Das klingt das erst einmal unfassbar. Schließlich haben wir gesehen, was sie kann! Wir haben gesehen, wie sie in nur vier Folgen unsere Herzen an sich gerissen und dann gehässig verdreht hat. Wie sie mit ihrem Charme, ihrer Verspieltheit und ihrer abgrundtiefen Bösartigkeit zu einer der, wenn nicht gar der beliebtesten Inkarnation des größten Erzfeinds des Doctors wurde und Zweifel an einer weiblichen Inkarnation eines traditionell männlichen Charakters schneller und gründlicher pulverisierte als sie es mit Osgood tat (sorry…).

Doch auch wenn sie sich mittlerweile einen ehrfurchtgebietenden Namen gemacht hat, sah das vor gar nicht mal so langer Zeit noch ganz anders aus. Als Michelle Gomez 2014 als Gastdarstellerin im Staffel 8-Finale bekanntgegeben wurde (damals noch unter dem ominösen Rollennamen „Gatekeeper of the Nethersphere“), war die erste Reaktion unter Fans erst einmal recht einstimmige Unkenntnis. Michelle Who? Aber gerade ihre Unbekanntheit erwies sich dann als Trumpf. Hätte ein Name wie Charles Dance oder Lara Pulver ihre Rolle übernommen, wären die Master-Theorien sicher schon viel früher und eindeutiger geflogen als sie es ohnehin schon taten.

Doch Michelle war ein unbeschriebenes Blatt. Sie konnte sich bedeckt halten, konnte verwirren, konnte überraschen. Ihr mangelnder Bekanntheitsgrad war einer der Gründe, warum das Rätselraten und die schlussendliche Auflösung um ihre Identität in Staffel 8 so toll funktioniert hat. Denn genau wie der Doctor haben wir gerätselt, uns gefragt, wer diese merkwürdige Frau wohl ist und ob sie wirklich spinnt oder nur so tut.

Michelle Gomez‘ bisher eher mittelprächtige Karriere – und weiß der Geier, warum nicht schon dreißig Casting-Leute auf ihr unglaubliches Talent angesprungen sind – wurde zu ihrer Stärke und bescherte ihr im Alter von fünfzig Jahren die Rolle ihres Lebens. Die Anzahl der Schauspieler, die so spät einen solchen Sprung im Bekanntheitsgrad hinlegen, ist verschwindend gering und das erst recht unter Schauspielerinnen, für die es, wie eine Hollywood-Weisheit besagt, bekanntlich nur drei Altersstufen gibt: „Babe, District Attorney and Driving Miss Daisy.“ Und im Fernsehen sieht es da meist nicht viel besser aus.

Denn seien wir ehrlich: Wie viele Schauspielerinnen um die fünfzig kennen wir noch, die in einer modernen Serie mit einem jungen Zielpublikum so Kick-Ass drauf sein dürfen wie Missy? Die Actionszenen bekommen, die ruchlos und kaltblütig, aber auch verspielt und charmant sein dürfen? In einem Alter, in dem es üblicherweise heißt, sich auf einem Sessel niederzulassen und als Mutter oder Tante des Protagonisten einen Pulli nähend weise Worte von sich zu geben, wird Michelle Gomez zur Statisten zerlasernden, Jenna Coleman an einem Seil in der Wüste aufhängenden, hemmungslos flirtenden und einen Dalek an einer seiner vielen namenlosen Dalek-Kugeln kitzelnden Super-Bitch. Die einzige andere Schauspielerin ihres Alters mit vergleichbaren Möglichkeiten, die mir im Moment einfallen würde, heißt Alex Kingston und spielt in Doctor Who River Song (wobei sie natürlich um einiges freundlicher daherkommt).

Es ist Steven Moffat hoch anzurechnen, dass er den – vermutlich hinter den Kulissen stetig tönenden – Rufen nach einer Angleichung des Doctor Who-Casts an das Alter des Zielpublikums widersteht und Schauspieler wie Michelle Gomez, Alex Kingston und natürlich auch Peter Capaldi in Rollen castet, für die sie perfekt geeignet sind und sie so im fortgeschrittenem Alter noch zu Stars der Geek-Welt macht. Es zeigt, dass Alter, genau wie Hautfarbe oder Geschlecht, kein einschränkender Faktor sein sollte und jeder die gleiche Chance verdient hat – insbesondere in einer Serie, in der die Figuren regelmäßig ihre Erscheinung verändern und das man in der Science-Fiction-Welt nicht nutzlos wird, nur weil man mit dreißig noch keinen Durchbruch hatte.

Michelle Gomez jedenfalls steht eine rosige Zukunft bevor. Ob sie tatsächlich Chancen auf einen Sieg bei den Baftas hat, sei einmal dahingestellt, aber sie hat die zweite Darsteller-Nominierung ins Hause Who geholt, wird mindestens noch einmal und vielleicht noch über Jahre hinweg als Missy zu sehen sein und auch ihre Karriere außerhalb Großbritanniens ist plötzlich am Abheben. Erst kürzlich wurde sie in der (zwar schauderhaft schlechten, aber dennoch erwähnungswürdigen) Batman-Prequel-Serie Gotham in einer Gastrolle besetzt. Wenn es so weitergeht, muss ihre erste Nominierung also keineswegs ihre letzte gewesen sein.


Fotos © BBC

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