Warum Doctor Who Netflix braucht

Die Lage ist chaotisch. Netflix, der weltweit wichtigste Anbieter für Serien- und Film-Streaming hat die Rechte für Doctor Who verloren, und das diesmal dauerhaft. Schon in den letzten Jahren gab es immer wieder furchteinflößende Ankündigungen, dass BBC-Programme aus dem Programm von Netflix verschwinden sollen, doch bisher gelang immer rechtzeitig eine Vertragsverlängerung. Nur dieses Mal nicht. In den USA ist Doctor Who bereits seit einigen Wochen nicht mehr abrufbar, in Deutschland und anderen europäischen Ländern (konkret weiß ich nur von Norwegen, aber es wird sicher noch andere Fälle geben) hat es bereits die Staffeln 1 bis 4 erwischt. Der Rest ist aller Voraussicht nach Ende März dran. 

Eine Alternative hat sich bereits gefunden. Gerade gestern wurde endlich ein lang-gemutmaßter Deal zwischen der BBC und Amazon bestätigt, mit dem ersten acht Staffeln ab dem 27. März in den Vereinigten Staaten exklusiv auf Amazon Prime zu sehen sein werden. Die Exklusivität war bei den Verhandlungen ein entscheidender Punkt für Amazon und dass nun gleich ein Mehrjahresvertrag abgeschlossen wurde, heißt dass Doctor Who auf Netflix zumindest in den USA in absehbarer Zukunft Geschichte ist.

In Deutschland sind die ersten acht Staffeln bereits jetzt auf Amazon Prime verfügbar, und im Moment sieht es nicht so aus, als würde sich etwas daran ändern. Nur Netflix fällt eben weg. Streng genommen sollten wir also gar keinen Grund haben, uns zu beklagen. Amazon Prime ist günstiger als Netflix und hat bei den Verhandlungen mit der BBC wohl schlicht und einfach mehr Geld geboten, was unserem angelsächsischen Lieblingssender ja nur zugute kommen könnte… Und trotzdem mache ich mir Sorgen. Nicht um meinen eigenen Doctor Who-Konsum. Sondern um den von potentiellen Einsteigern.

Doctor Who ist seit nun zehn Jahren fast durchgängig das erfolgreichste regelmäßige Drama-Format der BBC. Doch allein an den Einschaltquoten in Großbritannien könnte man das nicht erkennen. Seit einer ganzen Weile sind diese bereits am Absinken und Klatschblätter wie die Daily Mail verkünden jedes Jahr eine neue Quotenkrise. Dabei hat das einfach mit den veränderten Sehgewohnheiten des Zielpublikums zu tun. Steven Moffat meinte einmal, für seine Kinder wäre die Vorstellung, sich vom Fernseher vorschreiben zu lassen, wann sie welche Serie schauen sollen, so abwegig, wie sich vom Bücherregal vorschreiben zu lassen, wann sie welches Buch lesen solle.

Für eine Serie mit einer so jungen und sich ständig erneuernden Zielgruppe wie Doctor Who ist eine gute Internet-Verfügbarkeit essentiell. Es hat seinen Grund, warum Who für den nicht-britischen Teil dee Welt seit etwa 2011 von einem obskuren britischen Geheimtipp zu einer internationalen Geek-Naturgewalt geworden ist. Nur die wenigsten der 7000 Menschen, die sich letztes Jahr beim Auftritt von Cast & Crew bei der San Diego Comic-Con die Seele aus dem Leib brüllten, werden sie über traditionelle Fernsehkanäle wie die BBC oder den privaten US-Ableger BBC America, welcher nur als Teil von teuren Pay TV-Paketen empfangbar ist, kennengelernt haben.

Das Gleiche gilt für Deutschland. Ich habe den Eindruck, mittlerweile in der Uni mehr TARDIS-Mäppchen und -Smartphonehüllen als je zuvor zu sehen, doch liegt das wirklich an der Ausstrahlung auf dem Sky-Nischensender FOX? Selbst, dass die Matt Smith-Staffeln jetzt auf EinsFestival laufen, kann man im Vergleich zum Einfluss des Internets vernachlässigen. Netflix ist heutzutage einfach besser als Fernseher. Netflix ist schneller, bequemer und beim Coolnessfaktor nicht zu überbieten. Netflix macht illegale Downloads überflüssig, ist einfach zu bedienen und bietet vor allem einen Anreiz für Leute, die die Serie unverbindlich kennenlernen wollen.

Doctor Who ist auf Zuschauernachwuchs angewiesen. Deshalb gibt es Regenerationen und wechselnde Companions, sowie regelmäßige Umbrüche in Stil und Stimmung. Damit es nie langweilig wird und immer ein neues Publikum erreicht werden kann. So bleibt Who im Gespräch und baut sich eine Grundlage dafür, dass wenn irgendjemand auf der Suche nach einer neuen Serie durch den Netflix-Katalog browst, sich erinnert, immer mal wieder was über diese komische britische Science-Fiction-Serie gehört zu haben und ihr eine Chance gibt.

So entstehen neue Fans. Ohne diese neuen Fans stagniert das Publikum, die Zuschauerzahlen sinken tatsächlich und der natürliche Strom an Deserteuren, denen die neue Richtung oder der neue Doctor nicht gefällt, wird nicht kompensiert. Doctor Who funktioniert anders als andere Serien, weil Doctor Who auf kein Ende zusteuert, sondern im Optimalfall einfach immer weiter läuft und auf dem Weg neue Fans einfängt. Netflix ist perfekt für dieses Modell, weil der spontane Quereinstieg hier einfacher möglich ist als irgendwo sonst. In der modernen TV-Landschaft ist Netflix das, was Doctor Who am Leben hält. Vielleicht nicht direkt finanziell. Aber von der Aufmerksamkeit, von der Relevanz her. Und diese schlägt sich natürlich wiederum in Merchandise- und Event-Verkäufen nieder.

Amazon hingegen scheint dieser Aufgabe nicht gewachsen. Ja, Amazon Prime ist günstiger. Aber die Entscheidung, dem Megakonzern gleich für mehrere Jahre die Exklusiv-Streaming-Rechte zu überreichen, wurde mit Dollar-Zeichen in den Augen getroffen, nicht mit Blick darauf, was wirklich das Beste für die Serie ist. Es gibt einen Grund, warum es „Netflix and Chill“ und nicht „Amazon Prime and Chill“ heißt. Amazon Prime ist einfach uncool. Die Benutzeroberfläche ist unübersichtlich, OV-Versionen nur verwirrend zu finden, die Technik ist nicht ausgereift, TV-Apps funktionieren oft schlecht und anders als bei Netflix gelingt es einfach nicht, ein zufriedenstellendes Nutzergefühl herzustellen.

Amazon versucht diese Probleme mit dem einzigen Mittel anzugehen, das ihnen einfällt: Geld. Sie sichern sich die Streaming-Rechte für The Walking Dead und The Shannara Chronicles, investieren seit Jahren Unsummen in Eigenproduktionen, von denen noch keine Einzige auch nur im Ansatz die Fanbase einer Serie wie House of Cards oder Orange is the New Black entwickelt hat. Ob das Ganze fruchtet, ist im Moment natürlich noch schwer zu sagen und wer weiß, vielleicht wird das Ganze sich in der Zukunft auch noch erheblich verbessern, aber anders als Netflix scheint einfach kein Plan da zu sein. Nur sehr viel Knete.

Amazon Prime ist das, was man benutzt, wenn man konkret etwas sehen will und sonst keine Alternative hat. Netflix ist das, was man benutzt, wenn man sich auf etwas Neues einlässt. Bei Netflix lehnt man sich zurück, bei Amazon Prime beugt man sich vor im Versuch, der Technik Herr zu werden. Bei Netflix wurde Doctor Who vielen Nutzern bereits auf der Startseite vorgeschlagen. Auf Amazon Prime keine Spur davon. Ohne eine konkrete Suche erfährt man nicht einmal, dass es überhaupt mit im Programm ist.

Wir können von Amazon keine Werbekampagnen erwarten. Keine Anstrengungen, Doctor Who zu pushen. Denn aus der Sicht des Konzerns ist das ja nicht nötig. Doctor Who hat bereits eine etablierte Fanbase, die gerne selbst nach Möglichkeiten suchen wird, ihre Lieblingsserie zu sehen. Doch diese Fanbase verliert jedes Jahr Leute, auf ganz natürliche Weise. Und ohne Anstrengungen, neue, anfangs nur milde neugierige Zuschauer zu rekrutieren, wird die Zahl der Fans insgesamt schrumpfen. Und wenn das allzu lang passiert, stehen wir möglicherweise bald wieder vor einer Absetzung.


Foto © BBC

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Ein Kommentar

  1. Okay, aber inzwischen haben wir 2017 und Doctor Who ist (zumindest in Deutschland) aus Amazon Prime wieder komplett verschwunden.

    Gibt es aktuell noch einen Streaming-Service, der die Serie in Deutschland anbietet?

    Gefällt mir

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