Kritik: Doctor Who – Staffel 6

Doctor Who ist zurück im Free-TV – und das merke ich nicht zuletzt auch daran, dass die Aufrufzahlen dieses bescheidenen Blogs in den letzten Wochen unerwartet in die Höhe geschossen sind. Dass die tollste Serie aller Zeiten endlich wieder frei empfangbar ist und neue Fans erreichen kann, ist natürlich eine fantastische Sache, deren Ausmaße ich anfangs etwas unterschätzt hatte. Nun, da Staffel 5 versendet ist und es mit Nummer 6 weitergeht, will ich die Ausstrahlungen aber regelmäßig begleiten.

Den Anfang macht aber ein Blick aufs große Ganze: Auf die sechste Staffel von dem, was Fans als „NewWho“ und alle anderen einfach nur als Doctor Who bezeichnen. Spoiler wird es keine geben, also könnte das hier auch für Neulinge interessant sein.


Staffel 6 markiert den Höhepunkt der Ära des elften Doctors Matt Smith – und das in vielerlei Hinsicht. In keiner anderen Staffel gibt es so viele konfuse und ambitionierte Zeitreiseplots wie hier. In keiner anderen sind die Folgen so eng miteinander verwoben. In keiner anderen wirkt Doctor Who so verspielt, so unberechenbar. Und keine andere wird bis heute von Fans so kontrovers diskutiert.

Das zweite Album ist eben das schwerste – das wusste auch Who-Showrunner Steven Moffat, der gleich in seinem zweiten Jahr im Job alle Register zog und eine echte Breitseite von Staffel servierte, wie sie vorher – und nachher – keiner je zu Gesicht bekam. Die schiere Abenteuerlust zeigt sich gleich in den beiden Eröffnungsfolgen The Impossible Astronaut und Day of the Moon. Ohne zu viel zu verraten: Die Mondlandung, ein Besuch bei Richard Nixon und eine weltweite Invasion einer unerkannten Alien-Rasse gehören noch zu den zahmeren Konzepten, die hier vorgelegt werden.

Aber gleich hier zeigt sich auch, dass Doctor Who endlich an einen Punkt gekommen ist, als Blockbuster-Serie ernst genommen werden zu können. Die in Amerika gefilmten Szenen sind optisch atemberaubend, hinter jedem Set steckt ein irrer Arbeitsaufwand und die Szenen schneiden so mühelos von Screwball-Comedy zu Mitternachtshorror, wie es nur eine Serie mit sehr viel Selbstvertrauen tun kann. Es scheint eine Ewigkeit her, dass eine Doctor Who-Staffel mit albernen Effekten in der Londoner Innenstadt begann, stattdessen wirken die Folgen zeitgemäß und neu.

Und dazu gehört auch ein neues Vertrauen in die Zuschauer. Wer schon in Staffel 5 ab und zu Probleme hatte, mit allen Paradoxen und Kurzzeitreisen mitzukommen, wird hier wohl endgültig an seine TV-Konsum-Grenzen gestoßen. Wie es sich für eine moderne Serie gehört, stolpern die Charaktere nämlich nicht einfach von Folge zu Folge, stattdessen sind die Handlungsstränge vernetzt, ineinander verworren und bisweilen so komplex, dass ein Klobesuch während der Folge und damit ein paar verpasste Minuten einen dauerhaft aus der Bahn werfen können.

Vor allem Staffel-Auftakt und -Ende sind entsprechend engmaschig gestaltet, aber wenn man sich aufmerksam hinsetzt und nicht ablenken lässt, bekommt man großartiges Fernsehen geboten. Nicht nur die schon erwähnte Optik ist besser als alles, was Doctor Who bis dato zu bieten hatte, auch die Charaktere sind wunderbar eingespielt und fühlen sich in ihrem Kuddelmuddel aus Feinden, Freunden und Aliens offensichtlich pudelwohl. Da es keinen neuen Companion einzuführen gibt, geben sich der Doctor, Amy und Rory ganz wie alte Freunde, die so schnell nichts mehr beeindrucken kann.

Doch auch wenn die 13 Folgen enger miteinander verbunden sind als bisher üblich, gibt es einige Ausreißer. Diese weitgehend alleinstehenden Episoden sind mit für den kontroversen Status der Staffel verantwortlich, denn neben einigen enttäuschenden Abenteuern wie einem uninspirierten Trip auf ein Piratenschiff und ein gut gemeintes, aber letztendlich blutarmes Puppenhaus-Gruselabenteuer sind mit den Episoden Nummer 4 und 10 auch zwei spannende, einzigartige und durch und durch fantastische Geschichten darunter.

Der erste der zwei Höhepunkte, The Doctor’s Wife, wagt ein bis heute einmaliges Experiment: Die Folge gibt der TARDIS, der treuen Raumschiff-Gefährtin des Doctors, einen menschlichen Körper und zum ersten Mal können sie und er sich unterhalten, ein Abenteuer in vergleichbaren Körpern erleben. Die Interaktionen den beiden schwanken zwischen zum Heulen komisch und zum Heulen rührend, und es ist hinterher unmöglich, die TARDIS je wieder mit den gleichen Augen zu sehen.

Gegen Ende der Staffel wagt dann The Girl Who Waited einen düsteren und erwachsenen Abstecher in die Gefühlswelt von Amy, Rory und dem Doctor. Dies ist nicht nur eine dieser Folgen, die ihr euch auf gar keinen Fall wollt spoilern lassen, sondern auch eine, bei denen sich mehrmaliges Anschauen lohnt. Hier gelten keine Tabus und das charaktergetragene Drama erinnert stark an das, was später zu den Markenzeichen von Peter Capaldis Ära werden sollte. Sie tut dies aber in nur 45 Minuten und das mit viel Eleganz und emotionaler Wucht. All das macht sie zu eine der besten und ungewöhnlichsten Folgen, die es je in Doctor Who gab.

Nur leider kommt genau das, was The Girl Who Waited so stark macht, in vielen anderen Folgen zu kurz. Oft sind unsere Helden so beschäftigt damit, zwischen Timelines umherzuhüpfen oder von einer Realität zur nächsten zu hechten, dass kaum Zeit für sie bleibt, einmal zur Ruhe zu kommen und uns an ihrem Innenleben teilhaben zu lassen. Steven Moffat nutzt hier aus, dass wir alle Charaktere bereits aus der letzten Staffel kennen und sie nicht mehr neu eingeführt werden müssen, nur wirken diese bisweilen fast wie Props in ihren eigenen Geschichten, wie vernachlässigbar. In den darauf folgenden Staffeln funktioniert diese Balance auf jeden Fall besser.

Es gibt eine unter Doctor Who-Fans oft geäußerte Weisheit, die lautet: Dein erster Doctor wird immer dein wichtigster bleiben. Ich würde noch einen Schritt weiter gehen und den Satz auf die Companions, auf das ganze Feeling einer Staffel ausdehnen. Wenn ich an das Doctor Who denke, das ich liebe, dann denke ich in erster Linie an die Zeit um Staffel 6. Mit den aufregenden Plots und den tollen Storys. Mit dem elften Doctor und River, mit Amy und Rory, alles Figuren, die mir gewaltig ans Herz gewachsen sind.

Ich denke an atemberaubende Folgen wie The Impossible Astronaut und A Good Man Goes to War, an emotionale Höhepunkte wie The Girl Who Waited und The God Complex und ich weiß, dass ich persönlich wohl nie eine Ära Doctor Who so sehr lieben werde wie diese hier. Staffel 6 ist mein ganz persönlicher Liebling aus der scheinbar unendlichen Ansammlung an Doctor Who-Storys und deshalb weiß ich aus erster Hand, dass sie einen Zuschauer mit ihrer Erzähwut und Abenteuerlust vollkommen verzaubern kann.

Und dann, Jahre später, kann man sich noch einmal ruhig hinsetzen und all die negativen Dinge denken. Denn nein, perfekt ist Staffel 6 nicht. Im Vergleich zum Vorgänger fehlt ein wenig die erzählerische Eleganz und einige entscheidende Momente wirken hastig und unüberlegt. Aber ich sag es mal so: Wer perfektes Fernsehen will, der ist bei Doctor Who ohnehin an der falschen Adresse. Das Brillante an dieser Serie ist, dass sie sich über die Unperfektheit erhebt und zu ihrem eigenen Charme nutzt. Denn alles gehört dazu. Und alles ist zusammengenommen einfach fantastisch. Geronimo.


Fotos © BBC

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Ein Kommentar

  1. Für mich die beste Staffel des kompletten neuen Runs, die dann endgültig mein Herz gestohlen hatte. Gerade dieses eng vernetzte was du ausformulierst, hatte es mir angetan und mächtig Eindruck geschunden. Vielleicht weil man es vorher nicht so gewohnt war?
    Bis auf ein, zwei qualitative Schnitzer (Piratenfolge ahoi!) definitiv mit das beste, was es jemals gab. Selten soviel Herz un Komplexität und Witz in einer Staffel gesehen und noch dazu so stimmig miteinander verwoben. Hachja, die könnte man auch mal wieder schauen…

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