Kritik: Doctor Who – Face the Raven

Series 9, Episode 10
Deutscher Titel: Das Schattenquartier
mit Peter Capaldi und Jenna Coleman
Drehbuch: Sarah Dollard
Regie: Justin Molotnikov
45 Min. / Erstausstrahlung 21.11.2015

A-

Face the Raven ist das erste Doctor Who-Skript von Autorin Sarah Dollard. Das ist nur eine der vielen Überraschungen, die sich in der zehnten Folge dieser Staffel verstecken. Denn die Dialoge, der Ideenreichtum und der langsame Aufbau von Spannung wirken ganz so, als hätte sie diesen Job schon seit Jahren. Hier versteht jemand Doctor Who und damit versteht sich auch die Folge selbst, die wie die besten Episoden so viele Dinge auf einmal ist: Ein Kammerspiel. Ein Thriller. Ein Märchen. Eine Science-Fiction-Metapher. Spannend. Tragisch. Und das alles mit einem gefühlten Budget von fünfzehn Pfund.

Über nur 45 Minuten erzählt uns Dollard (sicherlich auch mit Hilfe von Steven Moffat) von einem Abstieg in den Abgrund. Von einer Geschichte, die gewöhnlich anfängt (für Doctor Who-Verhältnisse zumindest) und Stück für Stück außergewöhnlicher wird. Und das nahtlos, ohne plötzliche Sprünge in der Handlung oder der internen Logik. Und als man endlich bemerkt, was hier eigentlich passiert, was hier die ganze Zeit schon vor unserer Nase vorbereitet wird, ist es bereit zu spät. Face the Raven ist eine der am kompetentesten und elegantesten erzählten Doctor Who-Storys, nie wird ein Schritt falsch gesetzt.

In Bezug auf Russell T Davies hat Steven Moffat das Geheimnis guter Autoren einmal mit dem bekannten Satz zusammengefasst, es besteht darin, „Sätze auf eine Art zu schreiben, dass man immer den nächsten Satz lesen will.“ In Face the Raven sind es nicht nur einfach die Dialoge, die so aufeinander aufbauen und immer spannender werden, sondern die Geschehnisse an sich, die sich immer weiter entfalten. Ein Rätsel führt zum nächsten Mysterium, eine Spur zum nächsten Weg.

Und all das mündet in der Winkelgasse (oder zumindest in der Nokturngasse). Der überwiegende Großteil der Handlung findet in einer abgeschiedenen kleinen Straße statt, dunkel mit hier und da ein paar golden leuchtenden Fenstern und Türen, die gerade mit ihrem ungewöhnlichen Eingang stark an Harry Potter erinnert. Es ist ein durch und durch magischer Ort und für das begrenzte Budget einer Doctor Who-Folge ein fantastischer Schauplatz. Hier passiert es dann. Stück für Stück sinkt die Geschichte in die Tiefe. Unbemerkt, fast schon beiläufig.

Peter Capaldis älterer, erwachsener Doctor hat dieses Jahr endgültig seine Skripten erhalten, die zu keinem anderen Doctor passen würden. Vergleichbare Folgen aus den Zeiten von Smith oder Tennant hätten mit bombastischer Musik gedröhnt, hätten jedes bisschen Emotion, jede Melodramatik bis zum Anschlag ausgenutzt. Doch Face the Raven bleibt ruhig. So ruhig, dass es fast schon wehtut. Man sitzt auf dem Sofa, die Fingernägel ins Kissen gekrallt und möchte jeden Moment losschreien, aber das Geschehen auf dem Bildschirm will einfach nicht eskalieren. Es läuft nur gelassen der logischen Konsequenz entgegen.

Stetiger Wandel ist eine der wesentlichen Qualitäten dieser besten aller Serien. Doch ein Wechsel hin zu einer erwachsenen und düsteren Erzählweise kann gewaltig in die Hose gehen. Schon Anfang der 80er wurde es mit Colin Baker in der Hauptrolle versucht, das Ergebnis war erbärmlich und führte schließlich zur zwischenzeitlichen Absetzung. Das Doctor Who, das wir jetzt sehen, hat damit nichts mehr gemein. Steven Moffat hat sich endgültig von den Fesseln der Vergangenheit gelöst und macht sein eigenes Ding. Und das ist erwachsen, ja. Aber es ist auch eine Serie, die so weit von der Absetzung entfernt ist wie ich von gutem Schlaf, nachdem ich diese Folge gesehen hatte.


Foto © BBC

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