Kritik: Doctor Who – Under the Lake

Series 9, Episode 3
Deutscher Titel: Spuk im See
mit Peter Capaldi und Jenna Coleman
Drehbuch: Toby Whithouse
Regie: Daniel O’Hara
45 Min. / Erstausstrahlung 3.10.2015

B

Es gibt Altbekanntes und es gibt Altbekanntes. Letzte Woche habe ich in meiner Kritik zu The Witch’s Familiar thematisiert, dass man auch aus schon oft benutzten Bausteinen immer noch eine aufregende und neue Geschichte zusammenstapeln kann. Während das Altbekannte da noch in der Form von wiederkehrenden Charakteren und Orten auftrat, zeigt es sich in Under the Lake von einer anderen Seite. Alles an dieser Folge ist neu. Der Schauplatz, die Gast-Schauspieler, sogar die visuelle Ästhetik haben wir noch nie vorher gesehen – und dennoch fühlt es sich an wie der Eintritt in eine vertraute Welt.

„Base under siege“-Stories, in denen eine kleine Gruppe von Menschen in einem von der Außenwelt abgeschlossenen Gebäude feststecken und einer nach dem anderen von einem oder mehreren Monstern heimgesucht werden, gehören schon seit den 60ern zum festen Repertoire von Doctor Who. Und ihre Beliebtheit reißt bis heute nicht ab. Dieses ganz spezielle korridorintensive Subgenre der Doctor Who-Geschichten wurde auch in den letzten Jahren durch Folgen wie Mummy on the Orient Express, The Rebel Flesh, Cold War und Nightmare in Silver am Leben erhalten.

Nun sind wir also an der Belagerungsfolge dieser Staffel angekommen und jeder Handlungspunkt kommt an der Stelle, an der man ihn erwarten würde: Die Einführung der Crew, die Enthüllung der Monster (in diesem Fall Geister), das Eintreffen von Clara und dem Doctor, das stückweise Erlangen von Informationen, immer wieder unterbrochen von Monster-Attacken und als Zuckerguss auf dem Episodenkuchen ein abgefahrener Cliffhanger. Nach den Eskapaden der letzten zwei Wochen ist Doctor Who zuhause angekommen.

Und es fühlt sich einfach gut an, mal nicht Angst haben zu müssen, dass man, wenn man auch nur eine Sekunde wegguckt, eine entscheidende Information oder das Ende des Universums verpasst. Under the Lake besinnt sich auf das Wesentliche: Eine Menge Korridore, spannende Nebencharaktere, gruselige Geister und eine Menge Spaß auf dem Weg. Besonders die Geister muss man positiv hervorheben, denn auch wenn sie vergleichsweise wenig Leinwandzeit haben, verbreiten sie in dieser durchgehend eine fabelhaft schaurige Stimmung – und selbst die Spezialeffekte sind ganz ordentlich!

Regisseur Daniel O’Hara setzt diese durchsichtigen Monster in eine traumhafte Atmosphäre und reizt das Potential einer Unterwasserbasis gerade richtig aus. Allein wie hier mit Licht und Schatten gearbeitet wird, ist echte Anerkennung wert und setzt den Trend fort, dass Doctor Who jedes Jahr ein bisschen besser aussieht.

Aber auch die Leistung von Autor Toby Whithouse darf man nicht vernachlässigen. Die Geschichte an sich gewinnt zwar noch keine Preise für Originalität, aber Whithouse meistert alle Aspekte drumherum. Den Nebencharakteren, die in solchen Folgen oft Gefahr laufen, zu eindimensionalem Kanonenfutter zu werden, wird mit gut verteilten Dialogen gleichmäßig Authentizität verliehen. Anstatt wie letztes Jahr in Mummy on the Orient Express ein Dutzend Wissenschaftler einfach minutenlang blöd und stumm herumstehen zu lassen, werden alle Figuren individuell in die Geschichte eingearbeitet und funktionieren miteinander.

Genauso gut wie die Nebencharaktere funktionieren auch der Doctor und Clara. Ich erwähne es nur selten, weil ich es eigentlich für selbstverständlich halte, aber Peter Capaldi beweist jede Woche aufs Neue, dass er für diese Rolle geboren wurde. Nach seiner Identitätskrise hat der Doctor seine perfekte Balance aus Leidenschaft und Abenteuerlust sowie dem grundsätzlichen Desinteresse an den Gefühlen der Menschen um ihn herum gefunden. Dass er und Jenna Coleman nun nach den Strapazen des Staffel-Openers wieder ein ganz normales Abenteuer erleben dürfen, ist eine Wohltat – und das Skript gibt ihnen zahllose Gelegenheiten, das auszukosten.

So viel Lob für Toby Whithouse – und auch die Rezeption in anderen Teilen des Internets ist wahnsinnig positiv. Spekulationen, dass Whithouse bereits als Showrunner-Nachfolger in den Startlöchern stehen könnte, brennen wieder auf, doch auch wenn mir diese Folge gut gefiel, kann ich nicht so ganz mit einstimmen. Folgen wie Under the Lake sind eine tolle Sache, aber taugen vor allem als das Abenteuer zwischendurch, als Zeitreisenden-Alltag. Wie bei seinen früheren Episoden wie The Vampires of Venice oder A Town Called Mercy fehlt die einzigartige Vision und Außergewöhnlichkeit, die Moffats erste Geschichten wie The Empty Child oder Blink auszeichnete. Und für einen solchen Vergleich ist das hier einfach etwas zu… gewöhnlich.

Dementsprechend trifft es sich natürlich gut, dass nächste Woche der zweite Teil folgt und dem Trailer nach zu urteilen unterscheidet dieser sich gewaltig vom ersten. Wenn ich überrascht werden sollte und sich diese Doppelfolge durch Before the Flood doch noch in etwas ganz Besonderes verwandelt, senke ich meine skeptisch gehobene Augenbraue beim Thema „Whithouse als Doctor Who-Chef“ in Zukunft gerne ein bisschen ab und mache mir etwas weniger Sorgen über das was noch kommt. Der Doctor wäre stolz auf mich.


Foto © BBC

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