Kritik: Doctor Who – The Witch’s Familiar

Series 9, Episode 2
Deutscher Titel: Hexenkunst
mit Peter Capaldi und Jenna Coleman
Drehbuch: Steven Moffat
Regie: Hettie MacDonald
45 Min. / Erstausstrahlung 26.9.2015

A-

Steven Moffat befindet sich in seinem sechsten Jahr als Doctor Who-Chef. Und The Witch’s Familiar ist seine dreiunddreißigste Episode, wenn man Kollaborationen nicht mitrechnet. Ganz ehrlich, eigentlich müssten ihm doch mittlerweile schon längst die Ideen ausgegangen sein. Wer so lang die gleiche Serie leitet und viele seiner Ideen sogar nicht einmal selbst benutzt, sondern an andere Autoren abgibt, der sollte doch nun wirklich ausgebrannt und einfallslos am Boden liegen und einen Davros-Stuhl für die Fortbewegung brauchen. Oder? ODER?

Okay, lassen wir das, Spannung kommt in diesem Review wohl schon allein deshalb nicht auf, weil ganz oben die Note steht. Nein, The Witch’s Familiar und zuvor The Magician’s Apprentice sind alles andere als das Produkt eines Autoren, dem die Ideen ausgegangen sind. Im Gegenteil, dieser Zweiteiler ist ein „Hab’s dir doch gesagt“-tönender Mittelfinger ins Gesicht der Hater und hat so viel Feuer und Spannung, wie man sie eigentlich nur von jemandem erwarten würde, der mit dieser Serie noch große Pläne hat. Ein bisschen wie George Miller mit Mad Max: Fury Road. Ein alter Regisseur, ein altes Franchise und dennoch ein Endprodukt mit soviel Wumms im Arsch, als hätte es sich einen Panzer hinten rein gestopft (sorry für diese Analogie, es geht jetzt normal weiter).

Und das Faszinierende daran ist, dass die zwei Folgen nicht einmal in neue Universen oder zu neuen Konzepten aufbrechen müssen, um frisch und aufregend zu sein. Eigentlich ist es genau anders herum, denn bis auf das neue Monster namens Colony Sarff haben wir alles schon einmal in irgendeiner Form gesehen. Beginnend mit kleinen Auftritten von UNIT und der Shadow Proclamation geht es für einen altbekannten Doctor, eine altbekannte Companion und eine altbekannte Missy zu einem altbekannten Planeten, einem altbekannten Schurken und einer Ansammlung von unzähligen altbekannten Daleks, die teilweise aussehen wie direkt aus den 60ern gezogen.

Diese Doppelfolge trieft von Rückblicken und Anspielungen auf Who-Klassiker, es sind mehrere alte Doktoren kurz zu sehen (manche sogar zweimal) und die Geschichte basiert ganz offensichtlich auf einer alten Folge mit Tom Baker. Doch was in den falschen Händen eine reine Fan-Affäre hätte werden können, der Nicht-Ganz-so-Riesen-Nerds nichts als ratlose Blicke hätten schenken können, funktioniert auf sämtlichen Ebenen: Als geniale Neuabmischung klassischer Ideen und gleichzeitig einfach als unterhaltsames und spannendes Abenteuer.

Alles in Doctor Who verändert sich, nichts ist beständig und alle zwei Jahre erfindet die Serie sich neu. Aber diese neueste Neuerfindung von Steven Moffat ist mal etwas ganz anderes: Keine Angst vor der Vergangenheit und kein zwanghaftes Nach-Vorne-Schauen. Natürlich werden wir weiterhin neue Welten und neue Monster kennen lernen (die Geister im Trailer für nächste Woche haben da sicher ein Wörtchen mitzureden), aber mit The Magician’s Apprentice und The Witch’s Familiar fühlt sich das Who-Universum vielleicht zum ersten Mal wie etwas Ganzes an. Wie etwas Zusammenhängendes, Durchdachtes, in dem alles seinen Platz hat und alles funktioniert.

Und dafür gibt es kein besseres Beispiel als die Daleks. Jedes Jahr, jedes verflixte Jahr kommen die ollen Blechbüchsen wieder und jedes Jahr werden ihnen neue Geheimnisse entlockt. The Witch’s Familiar beinhaltet einen der besten Dalek-Momente aller Zeiten. Ein Moment, der alles auf den Kopf stellt, was wir über sie geglaubt haben und dennoch im Kontext von 52 Jahren Geschichte perfekt Sinn ergibt. Es sind Szenen wie diese, die klar machen, warum Doctor Who immer noch läuft und das immer noch mit so großem Erfolg. Weil Steven Moffat, mehr als wahrscheinlich irgendein Produzent vor ihm, verstanden hat, was Doctor Who so großartig macht.

Während Clara und Missy gemeinsam durch die Dalek-Kloake tapsen und es Clara zunehmend nervt, dass sie von Missy alle fünf Minuten irgendwo aufgehängt, drangefesselt oder heruntergeschubst wird, debattiert der Doctor die nicht vorhandene Ethik eines Genozids. Während wir Dinge über die Daleks erfahren, die in Zukunft jedes „Exterminate“ deutlich schauriger machen werden, fahren sie auch fröhlich herum und verteilen Laserschüsse. Und während die Geschichte der Serie neu aufgerollt und aus neuen Blickwinkeln betrachtet wird, ist die Story selbst einfach cool. The Witch’s Familiar ist irgendwie zehn Folgen auf einmal, springt wild von Stimmung zu Stimmung und Plot zu Plot, funktioniert aber dennoch immer als Ganzes.

Bei kaum einer Serie muss man so viele Erwartungshaltungen jonglieren wie bei Doctor Who: Kinder, Erwachsene, Fans, Hardcore-Nerds und die, die vielleicht gerade nur reingezappt haben. Nur die Balance aus all dem macht Doctor Who tatsächlich erfolgreich. Und wie Steven Moffat hiermit wieder einmal unter Beweis gestellt hat, ist er in der Lage, Folgen zu schreiben, über die jede Gruppe denkt, sie wäre speziell für sie geschrieben worden. Mögen kann es nie jeder, das ist völlig unmöglich. Aber das hier ist verdammt nah dran. Und wenn Moffat so weitermacht, spricht eigentlich nichts dagegen, bis zum 100-jährigen Jubiläum weiterzumachen. Einfach nur um zu Schauen, ob ihm vielleicht doch irgendwann nichts mehr einfällt.


Foto © BBC

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