Kritik: Doctor Who – The Magician’s Apprentice

Series 9, Episode 1
Deutscher Titel: Der Zauberlehrling
mit Peter Capaldi und Jenna Coleman
Drehbuch: Steven Moffat
Regie: Hettie MacDonald
45 Min. / Erstausstrahlung 19.9.2015

A-

Eine der Fragen, die den Produzenten und Schauspielern von Doctor Who seit Jahren beständig um die Ohren gehauen wird, ist die nach einem Doctor Who-Film. Wird es einen geben? Wie würde er aussehen? Nun, wenn die unermüdlichen Fragesteller Doctor Who auch in seiner Fernseh-Version schauen würden, dann könnten sie es sich vermutlich selbst ganz gut vorstellen.

The Magician’s Apprentice ist nur der neueste Beitrag in einer langen Reihe von Episoden, die zeitweise wirkt wie direkt von der Kinoleinwand gegriffen. Das Tempo, das Abenteuer, sogar die visuellen Effekte können sich mittlerweile sehen lassen… Eine der größten Freuden, die die lang herbeigesehnte Rückkehr der besten Serie des Universums mit sich bringt, ist die Demonstration davon, dass man seit dem Gummi-Mülleimer aus Rose vor zehn Jahren einen ganz schön langen Weg hinter sich hat. Denn diese Serie in ihrer jetzigen Form verdient den Begriff „Event-Fernsehen“ wie kaum eine andere. Wer braucht da schon einen „Doctor Who-Film“?

Wenn man sich aber The Magician’s Apprentice als erste Hälfte eines Kinofilms vorstellt, fällt es relativ leicht, sie einzuordnen. Es gibt Nerdfutter in Massen (einen ganzen Haufen Überraschungsauftritte und Anspielungen auf Episoden, die mitunter fast vierzig Jahre zurückliegen), es gibt regelmäßigere Szenenwechsel als in einem James Bond-Streifen (wobei Doctor Who sich anders als Bond nicht auf die Gegenwart oder die Erde beschränken muss) und doch findet sich inmitten all des Spektakels und der Sci-Fi-Wegwerfideen ein fester, fast schon philosophischer Kern, von dem das eigentliche Drama ausgeht.

Denn wenn man die Geschichte einmal herunterbricht, sind es nicht die Laserkanonen oder außerirdischen Welten, die den meisten Eindruck hinterlassen. Es ist die Art und Weise, mit der sie sich an den Doctor herantastet und an das Wesen, das ihn und seine Beziehungen zu Freunden und Feinden ausmacht. Es ist kein Wunder, dass wir auf diese Story warten mussten, bis Peter Capaldi im Finale der letzten Staffel seine Identitätskrise überwunden hatte und sich wieder im Klaren darüber war, was sein Herumstreunern durchs All eigentlich soll. „I’m the Doctor – and I save people!“, ruft er laut am Ende des Staffel 9-Trailers. Gut, dass er das mittlerweile weiß und sich gefunden hat. Die Sorge ist nur – was wenn ihn jemand anders findet?

Ich weiß, dass das schwammige Töne sind, aber es ist eine recht üble Aufgabe, über The Magician’s Apprentice zu schreiben, ohne Wesentliches zu verraten. Die dollste Überraschung der Folge, diejenige die die Köpfe zum Rauchen und die Zähne zum Klirren bringt, wird hier nämlich nicht für den Cliffhanger aufgehoben – stattdessen trifft sie uns noch bevor überhaupt der Vorspann gelaufen ist. Von da an sind alle Regeln vom Tisch und man befindet sich als Zuschauer wieder in diesem wunderbaren Nebel der Ungewissheit, der Klarheit darüber, dass in der nächsten Minute alles von einem spontanen Auftritt der Daleks bis zu einem plötzlich herabfallenden Klavier geschehen könnte und beides wäre nicht etwa eigenartig, sondern schlichtweg Normalität.

Und in diesem Gebiet des Sich-nicht-sicher-seins kann Doctor Who so richtig aufblühen und damit alle Beteiligten. Steven Moffat schreibt mal wieder wie ein Autor, der bei Ideenmangel unter Starkstrom gesetzt wird und nutzt Einfälle, die andere zu einem zweistündigen Film aufgeblasen hätten, für einen Gag in einem Nebensatz. Und auch dem Cast, bestehend aus dem nun heiligen Trio Peter Capaldi, Jenna Coleman und Michelle Gomez, merkt man sichtlich an, dass sie den tollsten Job der Welt machen und alle drei markieren mit ihren Performances neue Highlights in ihrem Doctor Who-Lebenslauf. Allein darüber könnte man einen ganz eigenen Artikel schreiben, aber zumindest Michelle Gomez will ich noch extra hervorheben, die besonders in einer Szene gegen Ende all ihre Masterigkeit auf brillante Weise zur Schau stellt. Es ist mir schleierhaft, wie jemals jemand an ihr zweifeln konnte.

Es fühlt sich ein bisschen an wie der Start einer neuen goldenen Ära. Wo bei Matt Smith schon nach der ersten Folge alle Schachfiguren in der richtigen Position waren, ließ sich das Autorenteam mit Peter Capaldi bewusst etwas mehr Zeit. Doch jetzt sind sie dort angekommen, wo sie von Anfang an hinwollten, können aus dem Vollen schöpfen und von Glück reden, dass dieses Volle eines der besten ist, das in 5? Jahren Doctor Who je zur Verfügung stand. The Magician’s Apprentice ist vielleicht nicht perfekt (wobei der ein oder andere Anlass zum Kopfkratzen womöglich noch im zweiten Teil erklärt wird), aber eines ist klar: Wer sich bei der Vorstellung daran, was uns mit diesem Set-Up und diesen Figuren noch alles bevorsteht, vom ganzen aufgeregten Hüpfen keine Beule an der Decke holt, für den hat diese Serie endgültig nichts mehr zu bieten. Dann vielleicht doch lieber ein Film-Franchise suchen. Die sollen ja auch ganz gut sein.


Foto © BBC

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