Kritik: Doctor Who – Flatline

Series 8, Episode 9
Deutscher Titel: Hinter den Wänden
mit Peter Capaldi und Jenna Coleman
Drehbuch: Jamie Mathieson
Regie: Douglas Mackinnon
45 Min. / Erstausstrahlung 18.10.2014

A-

Eine der interessantesten Neuerungen, die Russell T Davies mit seiner Neuauflage von Doctor Who 2005 einführte, war die sogenannte „Doctor Lite-Episode“. Dabei handelt sich um eine Folge der Staffel, in der Doctor und/oder Companion selbst kaum auftreten und für eine Dreiviertelstunde anderen Figuren die Bühne überlassen. Der Grund dafür ist simpel: Bei dem straffen Zeitplan, dem die Produktion jedes Jahr folgen muss, ist es eine enorme Entlastung, wenn die Hauptdarsteller nicht für 13 Folgen Drehzeit gebraucht werden, sondern nur für 12. So können mehrere Dreharbeiten gleichzeitig stattfinden.

Die ersten Doctor Lite-Episoden waren Love and Monsters und Blink und beide folgten dem gleichen Prinzip: Neue Hauptcharaktere und der Doctor mit Companion nur in einem kleinen Auftritt. In Staffel 4 wurde das Konzept dann erweitert. In Midnight war der Doctor ohne Donna unterwegs und in der Folge danach Donna ohne den Doctor. Aber die Doctor Lite-Folgen sind seitdem cleverer geworden. Auf den ersten Blick würde man nicht einmal darauf kommen, dass Flatline überhaupt eine ist. Schließlich ist der Doctor die gesamte Folge über sehr präsent.

Er steckt allerdings fast die gesamte Zeit in der TARDIS fest. Und damit werden gleich zwei Weeping Angels mit einem Auge geschlagen: Einerseits konnte Peter Capaldi alle seine Szenen in nur wenigen Tagen drehen und andererseits befand sich Autor Jamie Mathieson in der unerwarteten Situation, eine Folge mit Clara Oswald als einziger Leinwandheldin zu schreiben. Es ist ein fabelhaftes Beispiel dafür, wie Behinderungen im echten Leben zu tollen Geschichten in der Serie führen können – ein Phänomen, das bei Doctor Who spätestens seit der Erfindung der Regeneration Methode hat.

Der Doctor steckt also in Claras Handtasche – und was macht Clara? Sie übernimmt seine Rolle. Es ist eine Entwicklung, die seit Beginn von Staffel 8 ihre Schatten voraus warf: Clara und der Doctor sind auf Augenhöhe, halten sich aber beide für den Hauptcharakter der Geschichte. Zwei Kontrollfreaks mit zwei gigantischen Egos, aber nur einem Raumschiff und einem Sonic Screwdriver. Und als einer der beiden für die Nachforschungen ausfällt, nimmt sich die andere kurzerhand das, von dem sie glaubt, dass die damit ohnehin besser umgehen kann als er. Sehr zum Missfallen des Doctor-Originals:

Wir erleben also einen Wechsel von der in Doctor Who üblichen Perspektiven und erleben das Geschehen nicht aus Sicht des Doctors oder Companions, sondern aus der des Doctor gewordenen Companions. Und das sieht – für die meiste Zeit – eigentlich genauso aus, wie man sich eines Tages einen weiblichen Doctor vorstellen würde. Clara ist perfekt in ihrer Rolle als Time Lord-Störenfried, sie hat den scharfen Blick, trifft spontan die richtigen Entscheidungen und hat genug Selbstvertrauen, einer Gruppe Fremder plötzlich barsch Anweisungen zu erteilen.

Zum Höhepunkt der Folge beweist sie, dass sie gleich eine weitere wichtige Regel des Doctors durchschaut hat: Was auch immer du tust, sag immer, es wäre Regel Nummer 1.

„Rule number one of being the Doctor. Use your enemy’s power against them.“

„The Doctor lies“ oder „Don’t wander off“ hat der Doctor selbst schon als Regel Nummer 1 vorgestellt, aber sie versteht, worum es wirklich geht, wenn man in die Stiefel des Time Lords schlüpft: Besiege deine Feinde, indem du ihre Waffen gegen sie verwendest.

Besagte Feinde sind die „Boneless“ und die gehören zu den besten Doctor Who-Monstern der letzten Jahre. Eine ihrer tollsten Eigenschaften ist der langsame Aufbau: Von Graffiti an der Wand zum Verschlucken von Menschen und Möbelstücken bis zum Wiedererscheinen in 3D – und das auf wirklich gruselige Art. Die Effekte sind fantastisch (wie oft kann man das über eine Doctor Who-Folge schon sagen?) und sie tragen mit dazu bei, dass man Claras Triumph gegen Schluss besonders ernst nimmt. Es ist klar: Sie ist nicht nur dazu da, um Fragen zu stellen und Ratschläge von Herzen zu geben. Ihr Verstand ist scharf genug, um mit Doctor-Alltag zurechtzukommen.

Die Frage ist nur: Ist Doctor-Alltag wirklich so erstrebenswert? Insbesondere für eine mehr oder weniger gewöhnliche junge Frau aus London? Der Doctor ist ein zweitausend Jahre altes Alien, vor dessen Augen ganze Galaxien in sich zusammenfallen sind, er ist perfekt für den Job. Warum, sagt er selbst: Weil es seine Rolle ist. Er ist der, der die Monster aufhält. Um jeden Preis. Dass er sich bis zum Schluss nicht sicher sein kann, ob seine Gegner in dieser Geschichte wirklich Böses vorhaben oder vielleicht nur missverstanden werden, kann er dabei nicht berücksichtigen.

CLARA: Admit it. I did well. […] Just say it. Why can’t you just say it? Why can’t you just say I did good?
DOCTOR: Talk to soldier boy.
CLARA: It’s not him. Come on, why can’t you say it? I was the Doctor and I was good.
DOCTOR: You were an exceptional Doctor, Clara.
CLARA: Thank you.
DOCTOR: Goodness had nothing to do with it.

Ist der Doctor also ein guter Mann? Die gesamte Staffel über ist er auf der Suche nach der Antwort auf diese Frage und hier zeigt sich auch, warum. Der Doctor tut, was er tut. Er hinterfragt es nicht einmal selbst, er folgt einfach seiner Programmierung. Ein zweiter Doctor zu werden, wäre möglicherweise das Schlimmste, was Clara Oswald passieren könnte. Aber für die Rückkehr ist es jetzt womöglich schon zu spät.


Foto © BBC

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2 Kommentare

  1. @Schlopsi: Also ich fand ihr Verhalten sehr nachvollziehbar. Dass Clara absolut in der Lage ist, die Zügel in die Hand zu nehmen, hätte ich niemals auch nur einen Augenblick bezweifelt. Sie wurde ja ohnehin als eine der intelligentesten Begleiter, mit wunderbarem Selbstvertrauen angelegt. Hat ihren eigenen Kopf und ihre eigenen Bedingungen, kämpft aber trotzdem immer wieder um die Anerkennung des Doctors. Sie ist im Grunde so sehr „Doctor“, wie sie ohne tausendjährige Vorgeschichte und Erfahrungen nur sein kann.

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  2. Geht mir ganz ähnlich, auch wenn ich einfach das Gefühl nicht loswerde, dass hier so manches an Potenzial verschenkt wurde – dabei kann ich partout nicht festmachen weshalb. Ich ging aus der Episode mit sehr gemischten Gefühlen raus.
    So einen Monolog wie vom Doctor wäre schon in ein, zwei früheren Episoden wünschenswert gewesen, wobei auch da noch etwas Luft nach oben herrscht. Aber was noch nicht ist kann ja noch werden… Der Klimax mit Clara war super, keine Frage, die Entwcklung war ja ohnehin abzusehen. Aber dann zu sehen wie souverän sie da durchmarschiert, das hätte ich so nicht erwartet.

    Naja, Flatline ist wohl eine dieser Folgen, die sich beim zweiten Mal so richtig in ihren Details entfalten wird…?

    Gefällt 1 Person

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