Kritik: Doctor Who – Asylum of the Daleks

Series 7, Episode 1
Deutscher Titel: Der Dalek in dir
mit Matt Smith, Karen Gillan und Arthur Darvill
Drehbuch: Steven Moffat
Regie: Nick Hurran
50 Min. / Erstausstrahlung 1.9.2012

A

In Deutschland gibt es heiße Tage (im Moment vor allem), es gibt verregnete Tage, milde wolkenverhangene Tage, windige Tage. Wer mal auch nur eine Woche in Großbritannien war, weiß: Das britische Wetter hält sich mit solchen Einteilungen nicht auf. Scheint morgens die Sonne, prasselt mittags der Regeln. Ist es nachmittags leicht bewölkt, kommen am Abend Sturmböen. Verlässt man mittags guter Dinge das Haus, da es warm und wolkenfrei ist, wird man eine Stunde später mit Hagelkörnern überrascht.

Eine Steven Moffat-Folge ist ein bisschen wie ein Tag in England an der frischen Luft. Es gibt keine „ernsten“ Steven Moffat-Folgen, keine „traurigen“ oder „gruseligen“. Jede Episode, die der Mann schreibt, ist all diese Sachen auf einmal. Und selten wird das so klar wie in Asylum of the Daleks, einem seiner vielen Meisterwerke. Er springt von einer verwirrenden Montage zu Comedy zu abgefahrenen Bildern und Ideen, windet sich um Daleks, die gruseliger sind als selten zuvor, versetzt einen betäubenden Schlag in die Magengrube und jubelt am Ende mit, als die Daleks im Chor den Namen der Serie rufen. Alles mühelos.

Über Asylum of the Daleks (oder Der Dalek in dir, wie der treffende deutsche Titel lautet) ließen sich auch fünf Artikel schreiben, so viel passiert hier. Und dabei ist die Grundidee eigentlich relativ simpel: Der Doctor musste die Welt so oft vor einer Dalek-Invasion verteidigen, nun ist er es, der den Dalek-Planeten infiltriert. Nach fast fünfzig Jahren Pfefferstreuer-Terror sind des Doctors Erzfeinde nach wie vor nicht ausgelutscht – und zwar, weil sie immer wieder von neuen Blickwinkeln beleuchtet werden, auf andere Weise in die Story passen.

Die Daleks zu Beginn dieser Folge haben Angst. Schon von diesem Punkt an ist klar, dass das mehr als nur eine simple Vor-Exterminate-Wegrennen-Geschichte wird. Wir sehen alte, kaputte Daleks, selbst das Monument auf Skaro hat seine besten Zeiten hinter sich. Wir sehen traumatisierte Daleks, tanzende Daleks, sogar Daleks in Menschengestalt. In der vielleicht besten Szene tritt Amy, deren Geist langsam von der Nano-Wolke des Planeten in den eines Daleks verwandelt wird, in einen Raum und sieht die bösesten, hasserfülltesten Wesen des Universums als normale Menschen. Ein hypnotisches, freakiges Bild, das nur ein Vorgeschmack auf das ist, was die Geschichte noch so auf Lager hat.

Die Dualität und der unendliche Hass zwischen dem Doctor und den Daleks wird nicht so ausführlich erforscht wie in beispielsweise Dalek oder Into the Dalek. Vielmehr wird sie hier als Grundannahme betrachtet. „You think hatred is beautiful“, raunt der Doctor dem Dalek Prime Minister zu. Und erhält die Antwort: „Perhaps that is why we have never been able to kill you“. Der Doctor hat sich mit seiner Rolle in diesem Spiel schon lange abgefunden. Er ist der einzige, der kein Armband braucht, um ihn vor der dalekinfizierenden Nano-Wolke auf dem Asylum-Planeten zu schützen. Vielleicht weil er ein Time Lord ist. Vielleicht aber auch, weil er sich mit seinem Hass schon lange abgefunden hat.

Und so konzentriert sich die Geschichte statt auf den Doctor auf die Nebencharaktere. Jenna Colemans Oswin Oswald ist nicht nur der unerwartete Auftakt zur längeren Geschichte von Staffel 7, sondern auch eine zutiefst tragische und heroische Figur. Mit Soufflés gegen die Daleks, mit Eiern, Rühren und einer Minute im Ofen. Eggs, stir, minute. Exterminate. Sympathische Backfreuden und Killermaschinendasein liegen eben doch näher beieinander, als man es normalerweise glauben würde. Als Mensch, gefangen im Körper und Geist eines Daleks, ist es allein ihr Wille und ihre Überzeugung, immer noch menschlich zu sein, die dem Doctor und seinen Companions am Ende das Leben rettet.

Die Mühelosigkeit, mit der die Folge zwischen Stimmungen wechselt, bringen ihre Szenen fantastisch auf den Punkt. Zwischen Soufflés, klassischer Musik und fröhlichem Gequatsche mit dem Doctor und Rory deutet erst einmal wenig darauf hin, dass bei ihr irgendetwas nicht stimmen könnte. Sie dreht allerdings vielsagend ihre Musik lauter, um die Geräusche der Daleks draußen nicht hören zu müssen. Nur als der Doctor Oswin selbst sieht, kann sie der Wahrheit nicht mehr entgehen. Der Moment der Enthüllung ist herzzerreißend geschrieben und großartig von Jenna Coleman und Matt Smith dargestellt. Er hin und her gerissen zwischen Hass und Mitleid, sie gefangen im eigenen Kopf.

Auch Amy und Rory stecken in der Krise, wenn auch auf andere – und nicht ganz so lebensbedrohliche Art wie Oswin. Ihre Nebenhandlung ist zu Beginn etwas holprig und gehetzt, fängt sich aber dann. In einer so vollgestopften Folge erhalten sie schlicht zu wenig Zeit, aber es sind die zwei Staffeln Entwicklung im Rücken, die die beiden dennoch zu einem wertvollen und wichtigen Teil der Episode machen. Die Emotionen sind roh und authentisch, sie sind auf den Punkt und sie zeigen, dass im Doctor Who-Universum nichts ohne Konsequenzen bleibt. Eine Lektion, die der Doctor, Amy und Rory einige Folgen später noch einmal auf die harte Tour lernen.

Abermals ist der Doctor hier Zuschauer, bis er schließlich manipulativ eingreift, indem er Amy sein Schutz-Armband überlässt, ohne es ihr zu sagen. Er ist ein merkwürdiger Fremdkörper im Leben der Ponds, verantwortlich für so viele Höhen und Tiefen in der Beziehung der beiden. Es ist einer der wenigen Momente der Zufriedenheit für ihn, als er über die Kameras Amy und Rory wieder versöhnt sieht. „You can’t just fix this like you fix your bowtie“, hat ihm Amy zwanzig Minuten zuvor klar gemacht und nun, da sein Plan aufgegangen ist, zupft er wortlos seine Fliege zurecht.

Die schiere Menge an Bedeutung und Interpretations-Potential wird von Nick Hurran, der ein Jahr später Regie bei The Day of the Doctor führte, perfekt in Szene gesetzt. Er versteht genau wie Steven Moffat, dass man bei so einer Folge seiner Kreativität freien Lauf lassen muss. Seine Regie ist es, die die vielen kleinen Details zusammenhält, die die Daleks so großartig zum Leben erweckt und im richtigen Moment für den richtigen Kick sorgt. Die Atmosphäre, die er aus Moffats Skript zieht, ist einzigartig und macht Asylum of the Daleks zu einer der schönsten Doctor Who-Folgen aller Zeiten. Von den famosen Screenshots, mit denen ich diesen Text geschmückt habe, hätte ich noch ein gutes Dutzend übrig. Besonders die finalen Momente von Oswin, in denen die hellen roten Farbtöne einem giftigen Grün weichen, sind maßgeblich dafür, dass diese Szenen auch nach dem ganzen stimmungsmäßigen Kuddelmuddel davor richtig sitzen.

Und selbst nach diesem Downer, nachdem wir vom Regen in die Traufe gekommen sind, uns durch das Auge des Sturms gekämpft haben und am anderen Ende wieder herausgekommen sind – ist tatsächlich Sonnenschein? Ja, es konnte tatsächlich noch schöner kommen und nach all dem Durcheinander und den deprimierenden Plot-Twists endet Asylum of the Daleks optimistisch, hoffnungsvoll, mit dem Blick nach vorne. Ein Parlament voller Daleks brüllt „DOCTOR WHO?!! DOCTOR WHO???!!“ und der Doctor tanzt an seiner Konsole neuen Abenteuern entgegen. So und nicht anders beendet man einen Blockbuster.


Fotos © BBC

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