Kritik: Doctor Who – The Lazarus Experiment

Series 3, Episode 6
Deutscher Titel: Der Preis der Jugend
mit David Tennant und Freema Agyeman
Drehbuch: Stephen Greenhorn
Regie: Richard Clark
45 Min. / Erstausstrahlung 5.5.2007

D

Es gibt nichts Schlimmeres als Mittelmäßigkeit, besagt eine oft unterschiedlich zitierte Weisheit der Popkultur. Und auch wenn ich dem nicht einfach so zustimmen möchte, ist was Doctor Who-Folgen angeht, da durchaus etwas dran. Nehmen wir zum Beispiel mal Love and Monsters, die Flop-Folge aller Flop-Folgen mit dem dämlichsten Monster aller Zeiten, einer hirnrissigen Story und einem Blowjob-Witz als romantischen Höhepunkt. Man kann sich stundenlang über die Folge aufregen, aber: Sie bleibt im Gedächtnis. Eine Doctor Who-Geschichte darf ruhig mal dämlich sein oder keinen Sinn ergeben. Was aber wirklich streng verboten ist: Einfallslosigkeit.

Ich hatte mir The Lazarus Experiment für das Review diese Woche nicht aus irgendeinem bestimmten Grund ausgesucht, sondern eigentlich nur, weil sie bisher nur einmal gesehen hatte und mich an fast gar nichts mehr erinnerte. Mark Gatiss mit Alterungsmaske, Mark Gatiss ohne Alterungsmaske und Davonrennen vor einem langweiligen CGI-Kloß, das konnte doch nicht alles gewesen sein? Wie ich überrascht feststellte, doch. The Lazarus Experiment besteht eigentlich nur aus diesen Elementen, abgesehen natürlich von dem ausführlichen „Familien-Drama“, das währenddessen vonstatten geht.

Im Grunde genommen ist die Folge ein sehr eigenartiger Hybrid. Auf der einen Seite steht der Monster-Plot: Mann macht Experiment, Experiment schlägt fehl, Mann wird Killerschleim. Auch wenn das erst einmal Vergleiche zu Marvel-Comics vermuten lässt, ist das für Doctor Who-Verhältnisse natürlich trotzdem mehr oder weniger Standard. Die Sorte Standard, die in einer guten Episode durch kreatives Design, gruselige Inszenierung oder ein einfallsreiches und wohlüberlegtes Skript aufgefüllt wird.

Der Fokus liegt aber nicht auf dem Monster-Plot, sondern auf Marthas Familie. Man kann grundsätzlich viel über die „Seifenoper“-Stories von Russell T Davies erzählen, aber manchmal hat die Zeit und die Umsicht, die er den Familien seiner Companions widmet, auch durchaus sein Gutes. Wer würde schon auf Wilfred verzichten wollen oder auf die fantastische Szene in The Parting of the Ways, in der Rose ihrer Mutter und ihrem Freund klarzumachen versucht, dass ihr Leben sich durch diese Reisen für immer verändert hat.

Nur gibt es hier leider nichts, das sich auch nur ansatzweise auf der gleichen Ebene bewegt. Fast die halbe Folge verbringen wir mit Marthas Mutter und Geschwistern und sie erscheinen dabei weder besonders sympathisch, noch irgendwie interessant. Selbst an Charakterentwicklung ist kaum etwas herauszuholen. Am Anfang waren Martha und ihre Schwester also ein bisschen zerstritten und am Ende sind sie es ein bisschen nicht mehr. Juhu, die Tränen fließen. Und all das funktioniert weder als Auflösung eines früheren Handlungsstrangs, noch wird später groß darauf zurückgekommen. Es ist einfach da.

Also warum ist es da? Weil es halt sein muss. Auch wenn Russell T Davies nicht als Autor für The Lazarus Experiment genannt wird, ist seine Handschrift und Struktur eindeutig zu erkennen. Aber nicht auf eine gute Art. In den meisten seiner Folgen ist Davies ein umwerfend guter Autor, er versteht Menschen so gut wie kaum sonst jemand und ist immer bereit, neues Terrain zu erschließen. Aber das hier ist nicht The Christmas Invasion oder The Stolen Earth. Es ist Davies-Doctor Who auf Autopilot. Monster weil Monster. Familie weil Familie. Und nichts, an das man sich erinnern wird.

Die faszinierende Grundidee des technischen Jungbrunnens bietet unzählige Möglichkeiten für eine kreative und spannende Geschichte, aber es wird nicht einmal versucht, diese zu nutzen. Stattdessen wird Mark Gatiss einfach bei der erstbesten Gelegenheit zu einem langweiligen Computer-Monster, das durch Korridore jagt und irgendwann von einem Turm fällt. Und genauso verhält es sich mit den Familienbeziehungen: Anstatt unter die Haut zu gehen und Konflikte aufzuschürfen beschränkt sich die Rolle der Joneses darauf, den Doctor misstrauisch anzustarren und irgendwann zu ohrfeigen.

The Lazarus Experiment mag keine so aktiv schmerzenden Elemente wie Love and Monsters haben. Aber das liegt daran, dass es hier fast überhaupt keine Elemente gibt, wegen denen man überhaupt etwas fühlt. Eine Menge verschenktes Potential und ein perfektes Indiz dafür, dass die schlimmsten Doctor Who-Folgen vielleicht wirklich die sind, die nichts Neues auf den Tisch bringen, sondern nur Altbekanntes auf unspannende Weise auftischen. „All of the mothers, every time“, grummelt der Doctor nach Mrs. Jones‘ sinnloser und unprovozierter Ohrfeige in sich hinein. Er weiß auch nicht, warum es passiert ist. Aber er hat offensichtlich selbst ein Muster erkannt.


Foto © BBC

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