Kritik: Doctor Who – Master

Big Finish Episode 49
mit Sylvester McCoy und Geoffrey Beevers
Drehbuch: Joseph Lidster
Regie: Gary Russell
145 Min. / Veröffentlichung Oktober 2003

A

Was haben Dalek und Human Nature/The Family of Blood gemeinsam? Abgesehen davon, dass beide zu den beliebtesten Doctor Who-Folgen der jüngeren Zeit gehören sind beide Adaptionen und wurden ursprünglich nicht fürs Fernsehen geschrieben. Stattdessen stammen sie eigentlich aus der Zeit um die Jahrtausendwende, als Doctor Who aus dem TV verbannt war und lediglich in Form von Romanen und Hörspielen existierte. Nun hat das Fernseh-Exil seit 2005 zwar sein Ende gefunden, aber das heißt nicht, dass man das erweiterte Universum ignorieren sollte. Die Vorlagen für Dalek und Human Nature sind nämlich genauso großartig wie die fertigen Folgen.

Was das Ganze jetzt aber mit Master zu tun hat? Nun, wenn ich mir eine einzige weitere Adaption wünschen dürfte, eine weitere Geschichte, die ihren Weg von der CD auf die Blu-Ray findet, dann wäre es diese. Die bloße Vorstellung, Peter Capaldi und Michelle Gomez beim Nachspielen dieser Story zuzusehen, erfüllt mich mit Glücksgefühlen von Ende-von-Last-Christmas-Level.

Dass mein Traum jemals in Erfüllung gehen wird, ist zwar leider extrem unwahrscheinlich. Aber vielleicht fungiert er zumindest als appetitweckendes (und überlanges) Intro zu diesem Review, in dem es um die vielleicht beste Doctor-Master-Geschichte und eine der besten Doctor Who-Folgen überhaupt geht. Interessant hoffentlich auch für Hörspiel-Uninteressierte.


Der Plot zu Master ist entweder sehr kompliziert oder sehr einfach, je nach Betrachtungsweise. Eine mögliche Langfassung wäre: In einer kleinen Stadt, in der in den letzten Monaten ein Serienmörder sein Unwesen treibt, leidet ein Mann unter seinem verlorenen Gedächtnis und erhält Besuch von zwei Freunden, sowie einem mysteriösen Fremden, der ihn aus der Vergangenheit zu kennen scheint. Die beiden kommen ins Gespräch und gelangen immer näher an die Wurzel allen Übels – dem, was uns böse macht. Eine mögliche Kurzfassung: Der Doctor versucht einen Mann davon abzuhalten, einen Mord zu begehen.

Wie es für ein Hörspiel nicht ungewöhnlich ist, besteht die Geschichte beinahe ausschließlich aus Dialogen. Aber ihr könnt mir glauben, wenn ich sage, dass diese Dialoge zwar stets zwischen unheimlich, nachdenklich zu verhängnisvoll hin und her rücken, aber eins nie sind: Langweilig. Im Gegenteil, man hängt so an jedem Wort der Schauspieler, als könnte jedes Nächste den Tod für jemanden bedeuten – und das ist gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt.

Die Figurenkonstellationen verschieben sich und kehren sich ständig um, nie kann man sicher sein, wer gerade die Wahrheit erzählt oder welches Geheimnis er verbirgt. Jeder einzelne der fünf Charaktere (denn es gibt nur fünf Charaktere in dieser Geschichte) verheimlich etwas, mal ein kleines Geheimnis, mal eines das so schlimm ist, dass es das gesamte Universum in Gefahr bringt. Von dem Moment, in dem der erste Gast den zentralen Schauplatz betritt, ist niemand mehr sicher, und nach einer Weile wissen wir nicht einmal mehr, ob uns die Sicherheit dieser Figuren wirklich am Herzen liegt.

Der letzte Akt von Master ist vermutlich eine der abgefahrensten Plot-Entwicklungen in der Doctor Who-Geschichte (und das will wirklich was heißen), aber die Implikationen, die sie mit sich bringt, sind einzigartig. Es steht jedem frei, selbst zu entscheiden, welche Teile des Doctor Who-Universums man als „Canon“ ansieht und welche man ignoriert und von den vielen Ursprungs-Geschichten, die für das Verhältnis zwischen Master und Doctor gegeben werden, ist keine treffender, keine einleuchtender und keine gruseliger als diese.

Dass die beiden zwei Seiten einer Medaille sind, ist nichts Neues, aber an seinem Höhepunkt und besten Moment zementiert Master diese Tatsache in einem handfesten Twist, in dem nicht nur der Tod höchstpersönlich auftritt, sondern der auch die Beziehung zwischen guten und bösen Menschen unumgänglich klar macht.

Die besten Bösewichte sind oft die, die wir selbst sein könnten. Die wir verstehen, mit denen wir mitfühlen. Und dann gibt es noch die, die wir nicht verstehen. Die uns unheimlich sind, gerade weil ihr Wahnsinn und ihre Grausamkeit uns völlig unbegreiflich erscheint. Der Master wird in diesem Hörspiel zu beidem. Er ist unbeschreiblich böse, aber gleichzeitig wird klar, dass genauso gut der junge Time Lord, der sich später der Doctor nannte, diesen Weg hätte einschlagen können.

Wer gut und wer böse ist, wer sein Leben lang für oder gegen die Leben aller anderen kämpft, bestimmt sich in einem entscheidenden Moment, in dem wir den Rest unseres Lebens vorzeichnen. Das Unheimliche ist das Wissen, dass wir selbst dieser Mensch werden könnten, für den das Leben anderer nichts wert ist, dessen Streben zu immer mehr Macht sein einziger Antrieb ist.

Das ist also die fröhliche Botschaft dieser Geschichte: Pass auf, was du tust, sonst wirst du zum Serienkiller und hältst es auch noch für richtig. Vielleicht ist sie in ihrer Audio-Form doch irgendwie besser aufgehoben als zur Familienzeit am Samstagabend.


Master auf bigfinish.com

Foto © BBC/Big Finish

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